Gestohlene Sterne

on Mittwoch, 02 Dezember 2015. Posted in Vorfreude & Nachlese, Geschichten & so weiter, Alles & noch viel mehr

Bericht der Autorin Andrea Karimé über ihre Geschichtenwerkstatt mit syrischen Kindern von 5-13 Jahren.

Als mich Larissa Bender von der Syrienhilfe Köln e.V.  gefragt hat, ob ich eine Lesung für die syrischen Kinder in einer Kölner Einrichtung machen würde, sagte ich sofort zu, auch wenn ich Bedenken hatte, ob die Kinder mich verstehen würden. 

Ich hatte nicht erwartet, dass so viele Kinder schon gut Deutsch sprechen und verstehen konnten und mit meinen lediglich elementaren Arabischkenntnissen Sprachbälle zwischen mir und den Kindern lustvoll hin- und herfliegen  konnten. Die Flexibilität, das Engagement und die Klugheit der Kinder sowie ihr riesiges Interesse an Geschichten,  auch daran, selbst welche zu erfinden, hat mich so begeistert, dass ich sofort Lust hatte,  im Anschluss eine  Werkstatt anzubieten. Larissa Bender von der Syrienhilfe hat eine kleine Info für die Eltern auf Arabisch übersetzt. 

So machte ich immer wieder sonntags auf in diese Unterkunft, die über einen (wenn auch lausigen) Gemeinschaftsraum verfügt.  Im Gepäck habe ich immer meinen Geschichtenteppich, kurze Tier-Geschichten aus aller Welt, meine Bücher sowie ein kleines Aufnahmegerät, von den Kindern „Sprecher“ getauft. Außerdem alles was man zum Zeichnen und Kleben von Bildern braucht. Mehr ist nicht nötig um Geschichten entstehen zu lassen und einzufangen. 

Teilgenommen haben 19 Kinder im Alter von 5 bis 13, die in zwei Altersgruppen aufgeteilt wurden, die nacheinander gearbeitet haben. Die meisten Kinder sprechen arabisch und kurdisch und hatten bereits deutsche Grundkenntnisse.

Die Kinder haben ihre Geschichten in kleine selbstgebastelte Hefte notiert und gezeichnet oder diktiert. Manche Kinder haben als Übersetzer für „Neuankömmlinge“ fungiert. Berührende Texte sind entstanden. 

 

Die Fische schwimmen im Meer.

Blablabla ist die Meermusik.

Die Menschen essen Fische.

So leben die Fische in Angst.

(R., 10 Jahre alt!)

 

 

In den Geschichten werden Tapferkeit, Hoffnung und Ängste der Kinder deutlich. 


Es war einmal ein Delfin.

Er kam aus Amerika.                                                     

Er half Menschen.

Er schwamm extra nach Deutschland

um den Menschen zu helfen.

Damit sie genug Kraft haben, 

den Syrern zu helfen.

(R., 12 Jahre alt)

 

In einer poetischen Bildsprache setzen sie sich mit dem erlebten Schrecken und großen Fragen auseinander.

 

Einmal wollten zwei Jungen

die Sterne von der Syrienflagge 

klauen. Sie schafften es nicht, weil

die Flagge so hoch war. Und die Jungen zu klein.

Und dann flog die Flagge weg! 

(W., 12 Jahre alt)

 

 

 

 

 

Das Exilland Deutschland spielt in vielen Geschichten 
eine genauso große Rolle wie das Heimatland.  Von Freude, Trauer und Zerrissenheit erzählen die Kinder.


 

Syrien ist besser, weil es mein Land ist.

Und meine Familie ist da.

Und meine Freunde.

Aber es gab Bomben dort.                                                  

Und jeden Tag Krieg.

Mein Vater war im Libanon.

Da kam eine Bombe in mein Haus.

Wir sind traurig.  

(M., 13 Jahre alt)

 

 

Drei Wolken gingen spazieren.                            

Die eine sagte: „Ich will ein Herz haben!“                                  

Die zweite: „ich auch!“  Die dritte sagte: „Ich auch auch!“

Da kam eine Stimme: „Hallo, hier sind wir. In Deutschland.“

Das waren die drei Herzen. 

(K., 6 Jahre alt)

 

 

 

 

 

Aus den Texten ist ein kleines Büchlein für die Kinder entstanden, in dem jedes Kind einmal vertreten ist. Die Kosten dafür übernimmt freundlicherweise der VS-Köln.

Erfreulicherweise wurde außerdem ein Teil der Sonntags-Termine vom Friedrich-Bödecker-Kreis NRW in Kooperation mit der Syrien-Hilfe Köln e.V. finanziell gefördert. Vielen Dank! 

Ich bedanke mich auch für tatkräftige Unterstützung der ehrenamtlich helfenden Studierenden vor Ort. 

Die Geschichtenwerkstatt werde ich im nächsten Jahr weiter anbieten. Weil ich an die Kraft der Bilder und Geschichten glaube, insbesondere an die selbst erzählten. Mit oder ohne Förderung. Aber mit nun deutlich erweiterten Arabischkenntnissen.