Home, sweet home?!

on Freitag, 29 Mai 2015. Posted in Geschichten & so weiter

Das Projekt

Die folgende Erzählung entstand im Projekt Home, sweet home?!, unterstützt durch das Programm MeinLand - Zeit für Zukunft der Türkischen Gemeinde in Deutschland im Rahmen des Bundesprogramms Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. 

1 PROLOG

John Kim Volker

Gibt es ein besseres Wetter für eine Beerdigung als Wind und Regen? Ein blauer Himmel mit strahlender Sonne, die einem ins Gesicht lacht, wäre nicht passend für eine solche Zeremonie. Nein, nichts passt besser zu einer Beerdigung als Wind und Regen, nichts passt besser als ein finsterer Himmel zu finsteren Gesichtern.

Der Himmel spiegelt die gedrückten Gemüter der Menschen unter ihm wider und gibt die Gefühle in doppelter Stärke zurück.

Der Wind lässt keinen Schutz vor dem Regen zu und der Regen vermischt sich mit den Tränen der Angehörigen.

 

Die Raben am Ickerner Friedhof krächzten amüsiert über die Absurdität des Bildes, das sich ihnen bot: Eine Trauergemeinde mit gesenkten Köpfen stand um ein Loch im Boden. Ein Bestatter hatte eine verzierte Urne in der Hand. Es war still. Ein letztes Zeichen des Respekts gegenüber dem Toten, bevor dieser – oder eben seine Asche – zur Erde zurückkehrte.

Ein Zeichen, eher für die Lebenden als für den Toten.

 

 

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2 ALLES FALSCH GEMACHT

Vivian

„Babuschka, jetzt setz dich doch mal“, sagte ich etwas genervt.

Während ich noch am Frühstückstisch saß, hetzte meine Oma schon die ganze Zeit im Bademantel durch das Haus, um auch ja nichts für ihr Date mit Phillipos zu vergessen.

„Ich kann nicht, Katja, ich hab keine Zeit!“, erwiderte sie mir außer Atem.

„Mensch, Babuschka, du hast noch bis heute Abend Zeit. Setz dich endlich.“

Den letzten Satz sagte ich etwas lauter, sodass Babuschka kurz stehenblieb. Sie schaute mich an, als hätte ich irgendeine Beleidigung von mir gegeben.

„Ich weiß, dass du dich freust, aber du kannst es auch übertreiben“, sagte ich und setzte ein besonders breites Lächeln auf, damit sie auch ja nicht auf die Idee kam, dass es böse gemeint sein könnte. Statt sich zu setzen oder zu antworten, begann Babuschka wieder, durchs Haus zu hetzen.

Ich musste grinsen. Eigentlich war es ja schon ganz schön niedlich, wie sie im pinkfarbenen Bademantel hin und her rannte. Sie hatte Phillipos vor einiger Zeit auf einer Dating-Plattform im Internet kennengelernt.

Plötzlich blieb sie wieder stehen und schaute mich eindringlich an: „Weißt du, dass ich in den letzten Tagen gar nichts mehr von Phillipos gehört habe?“

„Äh ... hä? Was?“, ich kam nicht ganz mit. „Nein, weiß ich nicht ... Ihr habt doch heute Abend ein Date.“

„Ja, aber das haben wir schon vor einer guten Woche verabredet. Normalerweise schreiben wir uns jeden Tag und jetzt ist seine letzte Nachricht schon ein paar Tage her. Vielleicht hat er gar keine Lust mehr auf das Date heute Abend ...“

„Komm, setz dich und beruhig dich erstmal“, sagte ich. „Er hat sicher bloß viel um die Ohren gehabt. Du denkst zu viel nach.“

Babuschka seufzte tief und setzte sich tatsächlich endlich zu mir an den Küchentisch. „Ja, ich weiß, ich sollte mir wegen Phillipos nicht so den Kopf zerbrechen“, sagte sie und fuchtelte dabei theatralisch mit den Armen. „Okay, wechseln wir das Thema. Dann denk ich nicht mehr die ganze Zeit daran, warum er sich nicht meldet. Wie geht es dir? Ich hab heute noch gar nicht in Ruhe mit dir sprechen können.“

Woran das wohl lag? Ich musste grinsen. 

„Gut“, antworte ich.

„Du lügst, Katja, das seh ich dir doch an.“

Verdammt, Babuschka merkte aber auch alles. Oder war ich einfach ein offenes Buch? Nein, sie wusste schon immer, wenn es mir nicht gut ging. Schon als ich noch klein war. Und seit ich vor ein paar Tagen, kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag, zu ihr gezogen war, um zumindest die Osterferien erst einmal bei ihr zu verbringen, schien sie mich noch schneller zu durchschauen. Ganz anders als meine Eltern ...

„Hast du denn jetzt mal mit deinen Eltern gesprochen?“, fragte Babuschka. Jetzt las sie also sogar schon meine Gedanken.

„Nein, und ich will auch nicht mit ihnen sprechen“, sagte ich wütend. „Ich kann es ihnen ja doch nicht recht machen. Wenn ich mit ihnen rede, bringt es sowieso nichts, es wird dadurch nur schlimmer!“

Ich war vor ein paar Tagen zu Babuschka gezogen, um erst einmal Ruhe vor meinen Eltern zu haben. Das musste sie doch verstehen.

„Ach Katja, versuch es. Für Ella war es doch auch das Richtige, mit ihren Eltern offen zu reden, als sie ...“

„Nein, Babuschka!“ sagte ich jetzt richtig wütend, obwohl ich eigentlich bloß traurig war. Für Ella war es das Richtige ... Ja, klar, meine Cousine Ella machte ja auch immer alles richtig. Sie war immer perfekt.

Als sie letztes Jahr für eine Weile bei Babuschka eingezogen war, hatten mein Onkel und meine Tante sie danach umso liebevoller wieder bei sich empfangen. Jetzt kam es mir so vor, als hätte ich mit meinem Einzug bei Babuschka wieder einmal nur versucht wie Ella zu sein. Und wieder einmal lief bei mir trotzdem alles ganz anders als bei ihr. Aber wen wunderte das? Ich meine, ich hab ja immer alles falsch gemacht. Und auch Babuschka war jetzt nicht mehr so glücklich wie eben noch. Sie schaute nachdenklich und traurig auf ihre frisch manikürten Fingernägel. Das hatte ich ja mal wieder gut hinbekommen.

Aber ich hatte jetzt keine Lust darüber nachzudenken. Ich wollte bloß in mein Zimmer gehen und alleine sein. Doch es klingelte. 

 

3 ASCHE ZU ASCHE?

John Volker Kim

Außer den Raben und dem pfeifenden Wind hörte man keine weiteren Geräusche auf dem Ickerner Friedhof. Jeder der Trauergäste dachte ein letztes Mal an den Mann, dessen Asche dort in der Urne ruhte. Sie dachten an sein Leben, daran, was er gemocht hatte, daran, was er vielleicht gehasst hatte. Aber sie dachten auch an sein plötzliches Ableben. Wie er einfach so aus der Welt gerissen worden war.

Unter den Angehörigen war auch Elias, der Enkel des Verstorbenen. Er dachte an etwas ganz anderes. Er dachte an das, was sein Großvater ihm erzählt hatte, als sie letztes Jahr aus einer Hamlet-Vorführung des Jugendclubs im Westfälischen Landestheater gekommen waren. Sie hatten noch Pommes geholt, erinnerte Elias sich mit einem schwachen Lächeln. Plötzlich hatte er wieder den Geruch von Fett in der Nase und war für einen Moment gefangen in der Erinnerung.

 

Elias war in der Imbissbude damals noch einmal auf das Stück zu sprechen gekommen, in dem am Ende ja fast alle Protagonisten tot waren.

„Also, wenn ich jemals sterben sollte, was ja hoffentlich noch dauern wird“, hatte sein Opa nachdenklich gesagt, „dann will ich verbrannt werden. Und meine Asche soll zu Hause verteilt werden.“

„In Griechenland?“, hatte Elias gefragt, während er sich seine Pommes in den Mund schaufelte.

„Gute Frage“, hatte Phillipos damals lachend geantwortet und einer jungen Dame hinterhergeschaut, die sich von ihrem Platz erhoben hatte, um den Imbiss zu verlassen.

„Opa! Reiß dich zusammen!“ Elias hatte grinsen müssen. Und breit grinsend hatte auch sein Großvater sich wieder seiner Pommes Currywurst gewidmet.

Die Pommes waren schrecklich versalzen, erinnerte Elias sich. Und doch schienen sie ihm jetzt plötzlich die leckersten frittierten Kartoffeln zu sein, die er jemals gegessen hatte. Der Wunsch, sich dort noch einmal ein Schälchen zu holen, war groß. Wenn nur sein Großvater noch leben und wieder dabei sein könnte. Und wenn er ihn doch nur fragen könnte, was genau er mit „zu Hause“ denn gemeint hatte.

 

Damals hatte Elias nicht weiter darüber nachgedacht. Aber jetzt, hier am Grab, wurde er von Minute zu Minute skeptischer. Hatte Großvater das hier gewollt? Hatte er sich das vorgestellt, als er gesagt hatte, er wolle zu Hause begraben werden? Wo war Großvaters Zuhause? War es wirklich hier in Castrop-Rauxel? Was war ein Zuhause überhaupt? Ein Grab auf einem Friedhof hier in Castrop-Rauxel-Ickern konnte er mit zu Hause doch wohl kaum gemeint haben.

Die Fragen zogen Kreise in Elias' Kopf. Immer und immer wieder. Und plötzlich kippte ein Schalter in seinem Kopf. Er wusste nicht, was er tun sollte, aber er war sich mit einem Mal sicher, dass er etwas tun musste. Aus dem Affekt heraus stieß er den Friedhofsauseher um, der die Urne hielt, riss ihm diese aus der Hand und rannte einfach los.

Hinter sich hörte er die Schreie und Rufe seiner Familie und der Freunde seines Großvaters. Doch er stoppte nicht, drehte sich nicht einmal um. Sein Cousin Léandros war ein schneller Läufer, das wusste Elias. Die Gefahr war groß, dass Léandros ihn einholte, wenn Elias sich auch nur einen Moment auf etwas anderes als das Laufen konzentrierte.

Elias rannte den Schotterweg entlang und durch das große Friedhofstor. Die Urne an sich gedrückt bog er in die Straße ab, die am Friedhof vorbeiführte. Der Asphalt war noch immer nass vom Sturm gestern. Überall stand das Regenwasser in Pfützen, durch die Elias rannte. Es war ihm egal, ob die Füße nass wurden. Der Wind wehte Elias entgegen und schien ihn bremsen zu wollen, doch er kämpfte dagegen an. Wo wollte er überhaupt hin? Er musste irgendwohin, wo er in Sicherheit wäre und in Ruhe darüber nachdenken könnte, was er mit der Asche seines Großvaters tun sollte. Irgendwohin, wo seine Familie ihn nicht erwartete. Wo hätte Großvater sich in so einer Situation versteckt?

Galina, fiel ihm ein. Seine neue Flamme, wie Großvater diese Galina gern genannt hatte. Warum war sie nicht auf dem Friedhof gewesen? Hatte ihr keiner Bescheid gesagt? Hatte Großvater dem Rest der Familie noch gar nichts von Galina erzählt? Selbst wenn. Das war jetzt auch alles egal.

Ihr Haus war gar nicht mehr weit weg, fiel Elias auf. Anscheinend war sein Unterbewusstsein ihm bereits vorausgeeilt und hatte ihn genau dorthin getrieben, wo Galina wohnte.

Dort würde er untertauchen und erst einmal seine Gedanken sortieren.

 

Schnaufend rannte Elias weiter. Sein Herz hämmerte und seine Lungen brannten, wollten sich nicht richtig mit Luft füllen, sodass ihm leicht schwindelig wurde. Trotzdem blieb er nicht stehen, das Adrenalin in seinen Adern ließ es nicht zu. Er wankte, die Urne im Arm, die Groppenbachstraße hinunter zum Haus von Galina.

Schwer atmend blieb er stehen. Drehte sich um. Niemand war ihm in die Groppenbachstraße gefolgt.

Elias versuchte, seinen Atem zu beruhigen. Dann klingelte er.

 

4 WIE EIN BEKLOPPTER IRRER

Vivian

Da Babuschka ja noch im Bademantel herumlief, öffnete ich die Tür. Ein Junge stürzte an mir vorbei in den Flur, schubste mich zur Seite und knallte die Tür hinter uns zu. Was war denn hier los?

„Wer bist du? Und was willst du hier?!“, schrie ich ihn an.

Der Junge musste ungefähr in meinem Alter sein und war total außer Atem. So als sei er verfolgt worden. Irgendwoher kam er mir bekannt vor. Aber woher?

Babuschka kam angerannt. Sie hatte wohl schnell Jeans und Pulli übergezogen, als es klingelte, denn sie trug nicht mehr den pinkfarbenen Bademantel.

„Ich bin Elias Terzopoulos“, stieß er Junge hervor, als er Babuschka sah. „Ich muss mit ihnen reden.“

„Terzopoulos?“, fragte Babuschka.

„Ja, der Enkel von Phillipos“, sagte er traurig.

Elias hieß er also. „Und warum stürzt du wie ein bekloppter Irrer hier rein?“, begann ich wieder zu schreien.

Babuschka legte ihre Hand auf meine Schulter und warf mir einen Blick zu, der mir wohl sagen sollte, dass ich mich beruhigen sollte.

Ich musterte Elias misstrauisch. Seine dunklen Haare und seine braunen Augen. Seine schwarzen Klamotten. Erst jetzt bemerkte ich, dass Elias einen Gegenstand fest an sich gedrückt hielt. War das etwa eine Urne?

Erschrocken schaute ich Babuschka an, die ebenfalls auf den urnenähnlichen Gegenstand in Elias’ Händen starrte.

„Ich kann das erklären“, stammelte er. „Können wir uns vielleicht setzen?“

„Äh, ... ja, klar“, erwiderte Babuschka und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, dass er ins Wohnzimmer gehen sollte.

 

Im Wohnzimmer setzten wir uns. Elias saß auf der vorderen Kante des Sessels und hielt die Urne, oder was auch immer es war, so fest in seinen Händen, als hätte er Angst, wir wollten sie ihm wegnehmen.

„Was ist mit der Urne?“, fragte ich.

„Ich habe eine traurige Nachricht“, setzte Elias an. Mich ignorierte er. Stattdessen schaute er unverwandt Babuschka an, während er fortfuhr: „Da ich weiß, dass sie meinen Opa kannten, dachte ich, Sie sollten Bescheid wissen ...  Außerdem ... außerdem brauche ich Ihre Hilfe ...“

„Kannten?“ fragte Babuschka misstrauisch. Aber ich ahnte schon, was hier los war.

„Mein Opa ist vor einer Woche gestorben“, entgegnete Elias leise.

Obwohl er damit bestätigte, was ich bereits befürchtet hatte, seit dieser Elias in Babuschkas Sessel Platz genommen hatte, war die Nachricht ein Schock. Babuschka stand der Mund offen und sie schien mit den Tränen zu kämpfen. Ich nahm ihre Hand und drückte sie leicht. Babuschka verschlägt es selten die Sprache. Spätestens die Tatsache, dass sie nun keine Worte fand, war für mich Beweis genug, dass sie gerade dabei gewesen war, sich Hals über Kopf in Phillipos zu verlieben.

Es herrschte ein langes Schweigen. 

Dann ergriff ich als Erste das Wort: „Das tut uns sehr leid.“

Elias nickte nur.

„Wann ...“, Babuschka räusperte sich, „... und wie?“

„Am Donnerstag und ... und er starb an einem Herzinfarkt.“ Auch Elias rang nun sichtlich um seine Fassung.

Wieder herrschte Schweigen.

Schließlich fragte Babuschka leise: „Wann ist denn die Beerdigung? Und dürfen wir überhaupt dabei sein?“

Elias senkt den Blick. „Eigentlich war die Beerdigung schon.“

„Wie jetzt?“, fragten Babuschka und ich gleichzeitig.

„Ja, ... also, sie war heute“, Elias strich sich durchs Haar und schaute uns weiterhin nicht an. Er fühlte sich sichtlich unwohl. „Dass Ihnen nicht Bescheid gesagt wurde, tut mir leid. Meine Eltern wussten wohl nichts von Ihnen und ich hab über dem ganzen Kummer ...“

„Aber wenn die Beerdigung schon war ...“, unterbrach ich ihn und deutete mit der Hand auf die Urne in seinen Händen.

„Sie sollte heute sein“, sagte er. Dann hob er den Blick und schaute uns an. Fast trotzig. „Das ist der Grund, warum ich jetzt hier bin und eine Urne dabei habe.“

„Was?!“, schrie Babuschka und sprang auf „Du hast bei der Beerdigung Phillipos’ Urne geklaut?!“

Elias schrumpfte sichtlich wieder in sich zusammen. „Ja, aber ich kann das erklären.“ Beschwichtigend hob er die Arme.

Ich zog Babuschka wieder neben mich auf die Couch. Ich war sicher, dass er wirklich einen guten Grund für den Urnendiebstahl hatte.

Leise begann Elias zu erzählen: „Mein Opa und ich standen uns sehr nahe. Im letzten Jahr hat er beiläufig erwähnt, dass, wenn er mal stirbt, seine Asche zu Hause verteilt werden soll. Mit meinen Eltern hatte ich darüber gesprochen. Sie wollten nichts davon hören. Meinten, dass Opa viele verrückte Ideen hatte, wenn der Tag lang war. Aber ich konnte während der Beerdigung an nichts anderes denken. Wo ist denn sein Zuhause, fragte ich mich. Und plötzlich wusste ich, dass ich ihm seinen Wunsch unbedingt erfüllen musste.“  Sein Bericht hatte so eine Intensität, dass ich ihm sofort glaubte. 

„Und ich brauche Hilfe“, fügte Elias mit Nachdruck hinzu. „Ich meine, dass ich die Urne geklaut habe, hat meiner Familie und den meisten Freunden von Phillipos sicher nicht gefallen. Die sind bestimmt ziemlich sauer auf mich.“

„Das bringt Grabräuberei so mit sich“, stellte Babuschka eher spöttisch als wütend fest.

„Ich weiß.“ Elias nickte ernst. „Aber ich möchte es unbedingt. Meine Eltern werden mich sicherlich schon suchen, um mich zur Vernunft zu bringen.“

Babuschka schwieg nachdenklich. Ich selbst musste keinen Augenblick überlegen. Ich wollte Elias auf jeden Fall helfen. Auch wenn ich gar nicht genau sagen konnte, warum, denn eigentlich kannte ich ihn ja gar nicht ...

„Dann bleibst du halt erstmal hier“, unterbrach Babuschka meine Gedanken. „Und morgen sehen wir weiter.“

„Echt?“, Elias schaute sie mit großen Augen an. „Danke!“

Wieder Stille im Raum.

 

5 SEI EINFACH DU SELBST

Jennifer

„Ich hol uns mal was zu trinken“, schlug ich vor, um die Stille zu durchbrechen. Babuschka nickte geistesabwesend.

In der Küche stützte ich mich an der Arbeitsfläche ab, um kurz die Fassung wiederzugewinnen. Babuschkas gute Stimmung von vorhin war seit dem Auftauchen von Elias komplett zerstört. Sie hatte sich so auf das Date heute Abend gefreut.

Ich konnte mich nur zu gut daran erinnern, wie sie sich für das erste Date mit Phillipos im Kulturzentrum Agora zurechtgemacht hatte.

Aufgetakelt, als ob sie auf eine Gala gehen wollte. Ja, ich erinnerte mich genau ...

 

„Wir kommen zu spät, Katja! Ich komme zum ersten verdammten Date zu spät!“, schreit Babuschka mit quietschiger Stimme. 

„Du übertreibst total, wir haben noch genug Zeit!“, versuche ich sie zu beruhigen. Ich habe versprochen, sie zu fahren. Aber wir sind noch viel zu früh dran. Seufzend schlendere ich betont ruhig zum Auto und steige ein. Diese ganze Aufregung wegen eines Dates ...

Babuschka setzt sich wie von einer Biene gestochen auf den Beifahrersitz und richtet total hysterisch ihre Haare wieder, die draußen vom wilden Wind durcheinander gepustet worden sind. Ich hoffe inständig, dass es nicht auch noch anfängt zu regnen, denn das würde ihre Frisur und damit auch ihre Stimmung komplett ruinieren. Andererseits ... Babuschka ist so aufgedreht, dass sie wegen des Wetters sicherlich nicht gleich schlechte Laune bekommt. Ich fahre los, als sie gerade anfängt, Lippenstift aufzutragen, was auf dieser kaputten Straße ziemlich dämlich ist. Aber kann ich ihr das verdenken? Sie ist einfach viel zu aufgeregt.

An der Agora angekommen erwische ich ziemlich schnell einen guten Parkplatz. Meiner Meinung nach wird das Einparken von Tag zu Tag besser.

Als Babuschka fluchtartig aussteigt, um zum Treffpunkt zu rennen, steige ich genauso schnell aus, um sie noch aufzuhalten: „Moment!“

Babuschka sieht mich flehend an. Sie weiß ja nicht, dass ich sie nur vor einer peinlichen Situation bewahren will. Schnell fische ich ein Taschentuch aus meiner Lederjacke und wische ein bisschen Lippenstift weg, der bei der Fahrt eben danebengegangen ist: „So ist es viel besser...“

Babuschka lächelt niedlich: „Oh, ... danke, Süße. Was würde ich nur ohne dich machen.“

Ich umarme sie fest und nuschle schnell: „Du hast auch noch Lippenstift auf den Zähnen.“

Bei diesen Worten muss sie lachen. Ein bisschen verlegen. „Oh Gott, ich muss heute echt aufpassen was ich tu.“

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen: „Sei einfach du selbst, er wird sich unwiderruflich in dich verlieben.“

Sie lässt mich los und lächelt mich nun wieder überglücklich an. Sie schwebt schon jetzt auf Wolke Sieben, obwohl sie Phillipos noch nicht einmal persönlich kennt. Nur von ihrer Dating-Plattform.

Sie räuspert sich, um mich aus meinen Gedanken zu reißen: „Ich muss jetzt aber wirklich los, hab ich noch irgendwo Lippenstift?“

Ich schüttle lächelnd denn Kopf: „Nur da, wo er auch hingehört. Amüsier dich gut, okay?“

„Danke, Schätzchen.“ Und schon verschwindet sie hinter dem großen schmiedeeisernen Eingangstor. 

Ein paar Minuten warte ich am Auto. Dann folge ich. Na sicher! Ich würde sie doch niemals sofort mit einem fremden Mann alleinlassen! Sie kennt ihn schließlich nur aus dem Chat. Ich schleiche nun also stur und sehr entschlossen meiner Babuschka hinterher. Natürlich bin ich auch total gespannt darauf, wie Phillipos überhaupt aussieht. Das Foto aus der Flirtplattform besagt schließlich gar nichts ...

Ich überquere den Hof, lasse die steinernen Stufen, die mich an ein Amphitheater erinnern, links liegen und schleiche weiter zum Hauptgebäude. Dort angekommen mache ich mich einen Kopf kleiner, um ungesehen durch ein offenes Fenster zu lugen. Musik erklingt aus dem nicht allzu vollen Raum. Viele ältere Paare sitzen zusammen an Tischen und essen Häppchen oder nippen an Weingläsern. Andere Paare schwingen das Tanzbein auf einer Tanzfläche, die

ziemlich spontan freigeräumt aussieht. Die Tische haben die Tanzwütigen wohl einfach zur Seite geschoben.

An einer der Wände ist ein länglicher Tisch mit warmen Mahlzeiten aufgestellt. Ich erblicke dort einen schwarzhaarigen Jungen, der tollpatschig ein überfülltes Tablett mit Getränken balanciert und immer wieder grinsend grinsend auf die Tanzfläche schaut. Ich folge seinem Blick und sehe erleichtert Phillipos und Babuschka, die lachend versuchen im gleichen Takt zu tanzen. Sie tritt ihm auf den Fuß, woraufhin er sich vor Lachen krümmt und sie sich offenbar entschuldigt, aber dabei nicht aufhören kann zu kichern.

 

Jetzt erst begriff ich, woher mir Elias so bekannt vorkam. Natürlich! Er war der Junge mit dem Tablett gewesen. Und jetzt kapierte ich auch, warum er dem tanzenden Paar in der Agora genauso viel Aufmerksamkeit geschenkt hatte wie ich! Es war aber auch echt schön gewesen, den beiden zuzusehen.

 

Sie scheinen sich gut zu verstehen. Selbst von meinem Beobachtungsposten hinterm Fenster kann ich sehen, wie der Funke überspringt. Phillipos sieht genauso aus wie auf dem Foto im Flirt-Chat.

Ich finde es gut, dass er sein Bild nicht mit unendlich vielen Filtern oder gar Fotoshop überarbeitet hat, um seinen Bauchansatz und die Halbglatze zu verstecken. Er trägt einen Anzug, der ihn wie ein Gentleman aussehen lässt.

Als Phillipos seinen Lachanfall gerade halbwegs unter Kontrolle hat, ist der Junge mit dem Tablett – Elias, wie ich jetzt wusste – bei den zwei Turteltäubchen angelangt und bietet ihnen ein Getränk an. Oh nein, Babuschka. Bitte keinen Wein, denke ich nervös. Wenn sie Alkohol trinkt, dreht sie immer so extrem auf. Für jemanden, der sie noch nicht gut kennt, unmöglich auszuhalten. Das könnte das Date echt zum Scheitern bringen ... Als ob sie meine Bitte gehört hat, schüttelt Babuschka lächelnd den Kopf, woraufhin der Junge sich umdreht und die Kontrolle über das überfüllte Tablett verliert. Es kracht zu Boden und Tausende von Scherben springen durch die Gegend. Der Junge wird ganz rot und ähnelt in diesem Moment einer frisch gepflückten Tomate. Ich kann nicht anders, als in meine Hand zu kichern. Wie eine Krabbe huscht er über den Boden, um alle Scherben aufzusammeln. Phillipos zieht Babuschka, die natürlich sofort helfen will, die zerbrochenen Gläser einzusammeln, beschützend weg und gefährlich nahe an das Fenster, hinter dem ich stehe. Also entscheide ich mich, schnell kehrtzumachen, durch den nun doch einsetzenden Regen und zurück nach Hause zu flüchten.

 

Ich strich mir eine Strähne hinters Ohr und schniefte, während ich den Kühlschrank öffnete, um eine Flasche Fanta herauszuholen.

Ich hatte Elias an dem Tag in der Agora gar nicht so richtig wahrgenommen, obwohl ich ihn ja schon ziemlich lange beobachtet hatte. Mein hauptsächliches Interesse hatte Babuschka und ihrem Wohlergehen gegolten. Sonst wäre Elias mir mit seinen niedlichen Grübchen sicherlich stärker aufgefallen ...

Ich schnappte mir drei Gläser und schlurfte bedröppelt zurück zu den beiden, die vor Trauer nur so stanken.

 

6 DEN LETZTEN WUNSCH ERFÜLLEN

Vivian

„Ich bestell dann mal den Tisch für heute Abend ab“, sagte Babuschka mit einem aufgesetzten Lächeln.

„Babuschka, warte ...“, aber weiter kam ich nicht, denn sie ging einfach aus dem Zimmer. Sicher wollte sie ein bisschen allein sein mit ihrer Trauer. Sie tat mir so leid. Immerhin wussten wir nun, dass es nicht an mangelndem Interesse gelegen hatte, dass Phillipos in den letzten Tagen nicht geschrieben hatte. Aber das war ganz sicher auch nur ein schwacher Trost ...

 

Elias und ich saßen uns gegenüber. Schon wieder Schweigen. Ich hielt das nicht mehr aus.

„Was hast du denn jetzt vor?“, fragte ich deshalb.

„Ich möchte Opas Zuhause finden. Damit ich dort seine Asche verteilen kann.“

„Du weißt nicht, wo er zu Hause war?“, fragte ich verwirrt.

„Ja ... Nein ... Ich weiß nicht. Es ist nicht so einfach.“

„Und wo willst du mit der Suche anfangen?“, fragte ich.

„Auf dem Friedhof.“

Jetzt verstand ich gar nichts mehr. „Ich dachte, genau da sollte seine Asche deiner Meinung nach nicht liegen!“

Elias zuckte die Achseln. „Ich sagte, dass ich nicht genau weiß, wo seine Asche hin soll. Auf dem Friedhof läge er immerhin neben seiner Ehefrau. Außerdem muss ich mich auch bei Oma entschuldigen. Ich hab ihr ja sozusagen ihren Mann gestohlen, der eigentlich gerade neben sie gebettet werden sollte.“

„Auf den Friedhof kannst du jetzt aber nicht. Ich meine, die suchen dich doch bestimmt ...“, stellte ich fest.

„Ja, ich weiß, aber ich muss dahin ... vielleicht heute Abend, wenn es dunkel ist.“

„Dann ist der Friedhof geschlossen.“

Jetzt musste Elias erst überlegen. „Ja, dann klettern wir halt über den Zaun.“

„Wir?“, fragte ich erstaunt.

„Ähm ... also, ich dachte ... weil, du gerade so darüber mit mir sprichst. Da dachte ich, dass du vielleicht ...“

Sollte ich mitkommen? Seine Geschichte war traurig und er meinte es ernst. Und irgendwie fand ich es ja auch süß, dass er so viel aufs Spiel setzte, um den letzten Wunsch seines Opas zu erfüllen ... Was würde ich machen, wenn Babuschka einen solchen letzten Wunsch hätte? Würde ich dann nicht auch alles tun, um ihn zu erfüllen? Und wenn ich sie bis in ihren Heimatort in Russland zurückbringen müsste? Und wäre ich nicht auch froh, wenn mir jemand dabei zur Seite stehen würde?

„Ja, ich helfe dir“, sagte ich entschlossen.

 

7 BEGRENZT IST DAS LEBEN ...

Jennifer

Gedankenversunken schlurften Elias und ich über den Kiesweg des komplett verlassenen Friedhofes. Im Schutz der Dunkelheit waren wir heimlich über den Zaun geklettert. Ich war froh über die Dunkelheit, denn so würde Elias wohl kaum der große Fleck auf meiner Hose auffallen, den ich mir beim Klettern zugezogen hatte. Doch auf dem Friedhof war es gar nicht so dunkel. Auf vielen der Gräber brannten Kerzen. Dieses unglaubliche Lichtermeer ließ mich staunen, denn ich hätte niemals gedacht, dass ein Friedhof so schön sein konnte. Zugleich tauchte das flackernde Kerzenlicht den Friedhof in eine seltsame Atmosphäre, in der die Schatten lebendig wurden. Hinter einem Baum sah ich eine Gestalt hin- und herhuschen. Die Angst, dass uns jemand verfolgte, wuchs in mir. Was, wenn uns ein Wachmann erwischte? Was, wenn uns jemand entführte? Was, wenn uns ein Vampir angriff und uns das Blut aussaugte? Ich ging jetzt ganz dicht neben Elias, sodass wir fast Schulter an Schulter nebeneinander herliefen.

Es war mein gutes Recht, ein bisschen Angst zu haben, fand ich. Immerhin war es neu für mich, spät abends über einen Zaun zu klettern, um über einen Friedhof zu schleichen und die Gräber der Omas von irgendwelchen dahergelaufenen Jungs aufzusuchen.

Elias schaute mich von der Seite an. Ein Grinsen huschte über seine Lippen: „Du hast doch nicht etwa Schiss, oder?“

Ich seufzte: „Nee, ich tu nur so, damit ich mich an dich ranschmeißen kann, weißt du.“

Er fing schrill an zu lachen. Jetzt grinste ich, denn seine Lache klang schon ziemlich verrückt.

„Keine Sorge, ich pass schon auf dich auf.“ Er lächelte, während er das sagte, und nahm dann beschützend meine Hand, die verglichen zu seiner ganz schön klein aussah.

Ich sagte übertrieben gerührt: „Ahhh, du kannst ja richtig süß sein.“

Er lachte wieder auf, doch diesmal klang es etwas eingeschnappt: „He! Pass auf, was du sagst, Fräulein, sonst werfe ich dich in ein Grab!“

Sein Ego war ihm also ziemlich wichtig. Jetzt musste ich laut lachen. Mein Lachen schallte durch die Nacht und brachte vermutlich sogar die Eulen dazu, die Luft anzuhalten. Zugegebenermaßen viel zu spät fiel mir ein, dass dieses Lachen für Elias’ Ego vielleicht nicht so förderlich war. Um ihn nicht zu kränken, hörte ich auf zu lachen.

Die komplette Stille, die sich jetzt über den Friedhof legte, ließ mich erschauern.

Elias blieb plötzlich stehen. Einen Moment lang dachte ich, jetzt wäre er wirklich sauer auf mich. Dann begriff ich, dass er nicht meinetwegen stehengeblieben war.

Elias deutete auf das Grab direkt vor uns. Ein kleiner, rundlicher Grabstein mit verschnörkelter Schrift lag zwischen wunderschönen bunten Blumen. Ich las die Inschrift: Daphne Terzopoulos. Geboren 14.07.1950, Gestorben 23.12.2010. Begrenzt ist das Leben, doch unendlich ist die Erinnerung.

Elias kniete sich hin, um die Kerze, die er vor unserem Friedhofsbesuch noch schnell an einer Tankstelle gekauft hatte, neben dem Grabstein zu platzieren. Als er sie  anzündete, konnte ich sehen, dass seine Augen feucht glänzten. Er vermied den Blick zum Grab nebenan. Zu diesem Loch, in dem jetzt eigentlich Phillipos’ sterbliche Überreste ruhen sollten. Es sah noch ganz frisch für die Beerdigung vorbereitet aus.

„Hey, Omi ... tut mir leid, dass ich dich in letzter Zeit nicht so oft besucht habe, aber ich hatte viel zu tun, wie du bestimmt bereits beobachtet hast“, begann er mit leiser Stimme zu erzählen.

Total verloren in einer Pfütze voller Mitleid schaute ich der Szene zu. Seine Bindung zur Familie war wohl ziemlich stark, was ich bei mir nicht behaupten konnte. Na ja, mit Ausnahme meiner Beziehung zu Babuschka.

Elias sprach bedrückt weiter: „Phillipos’ Beerdigung sollte ja heute sein. Und keiner kam auf den Gedanken, seinen Wunsch zu respektieren und seine Asche dort zu verteilen, wo Opa sich zu Hause fühlte. Aber ich hab’s getan! Ich habe die Asche geklaut, Oma ... Ich hoffe, du bist deshalb nicht wütend.“

Jetzt musste ich doch schmunzeln. Es kam mir irgendwie absurd vor, dass Elias mit so viel Trauer in der Stimme zu einem Stein sprach.

Ich kniete mich neben Elias und legte die Hand auf seine Schulter: „Sie ist bestimmt nicht sauer, Elias. Ganz im Gegenteil, sie wird höchstwahrscheinlich richtig stolz auf dich sein.“

Elias drehte den Kopf zur Seite und blickte mir tief in die Augen. Seine braunen Augen funkelten wegen der Tränen im Schein des Kerzenlichtes. Und schon allein die Vorstellung, dass er oft hierherkam, um mit seiner Omi zu sprechen, brachte mein Herz stärker zum Klopfen. Sein schwaches Lächeln ließ seine Grübchen zum Vorschein kommen, was mein Herzklopfen noch verschlimmerte.

Elias schaute wieder zum Grab herunter und klang viel selbstbewusster, als er sagte: „Wir werden noch einen perfekten Platz für Opa finden, Oma. Es tut mir leid, dass er nicht neben dir schlafen wird.“

Kaum hatte er den Satz zu Ende gesprochen, fing es an zu regnen. Dicke, kalte Tropfen platschten zu Boden. Ich kreischte auf. Elias, der schon aufgesprungen war, zog mich hoch. „Lauf!!!“, schrie er mir ins Ohr und zog mich hinter sich her.

Der Regen durchweichte meine Klamotten in Sekundenschnelle und sie fingen an, unangenehm am Körper zu kleben. Zumindest würde der Fleck am Arsch, der beim Klettern über den Zaun entstanden war, jetzt ganz sicher nicht mehr auffallen.

Ich war froh, als wir endlich am Auto ankamen. Total erschöpft und nach Luft ringend ließen wir uns nach hinten in die Sitze fallen. Harte Tropfen platschten auf das Autodach und machten die Sicht aus den Fenstern unmöglich.

Elias seufzte tief und schloss die Augen: „Wir müssen noch heute zu Phillipos’ Haus.“

Entgeistert drehte ich den Kopf zur Seite und betrachtete den komplett nassen Jungen neben mir. Sein schwarzes Haar hatte sich auf die Stirn gelegt und auch seine Klamotten waren völlig durchweicht. Er sah gut aus, das musste man ihm lassen. Trotzdem, mit den nassen Klamotten jetzt noch länger unterwegs zu sein, erschien mir nicht gerade verlockend. „Du willst noch so spät zu ihm nach Hause? Bist du bescheuert?“

Er seufzte ziemlich genervt: „Nachts ist die einzige Möglichkeit dort hinzugehen, ohne jemandem von meiner Familie zu begegnen, Katja. Komm schon, danach gehen wir ja wieder zu dir.“

Mein Gott, machte er es mir schwer! Jetzt setzte er auch noch einen Welpenblick auf. Ich versuchte es trotzdem noch einmal mit Vernunft: „Okay, das leuchtet mir ein. Aber warum willst du überhaupt da hin, Mann?“

„Wenn ich sein Zuhause suchen will, liegt es doch ziemlich nah, in seinem Haus anzufangen“, erklärte Elias.

Nun gut, das war mal ein Grund. Ich nickte zustimmend, woraufhin er zufrieden lächelte und mir erneut die Chance gab, seine Grübchen zu begaffen. Mensch, war er fies! Dieser Mistkerl wickelte mich um den Finger. Und das schon, seit er bei Babuschka durch die Haustür gestürmt war. Ich sollte so langsam mal klarstellen, dass ich hier diejenige war, die das Sagen hatte. „Aber erstmal bleiben wir noch im Auto sitzen, um wenigstens ein bisschen zu trocknen“, bestimmte ich und drehte die Standheizung volle Pulle auf.

 

8 ... DOCH UNENDLICH DIE ERINNERUNG

Anna

Als wir das Haus meines Großvaters erreichten, wurde mir furchtbar schlecht. Es fiel mir so unglaublich schwer, ihn einfach gehen zu lassen.

Opas Haus sah ziemlich altmodisch aus und trotzdem fand ich es wunderschön. Das lag wahrscheinlich auch daran, dass mein Opa es früher selbst gebaut hatte. Es stand ein Stück abseits der anderen Häusern hier in Pöppinhausen. Im Hintergrund sah man nur den großen Wald, wo die Dorfbewohner vormittags gerne mit ihren Hunden spazieren gehen, doch um diese Zeit war hier keine Menschenseele. So im Dunklen wirkte es schon ganz schön gruselig, stellte ich jetzt fest.

Katja schien dasselbe zu denken. Sie stand schon an der Haustür, während ich noch im Auto hockte, und sah sich ängstlich um.

„Los, komm!“, rief sie mit zitternder Stimme.

„Ich komme ja schon“, sagte ich eher zu mir selbst und verließ das Auto. Sofort stieg mir der gewohnte Geruch von Dünger in die Nase. Klar, andere würden sofort das Gesicht verziehen, doch ich bin mit dem Geruch der Landwirtschaft aufgewachsen, ich atmete ein und fühlte mich sofort zu Hause.

„Na, hat da jemand Angst im Dunkeln?“, fragte ich Katja neckend.

„Haha, das ist nicht witzig, hier ist einfach niemand. Keiner bekommt mit, wenn uns etwas passiert“, meckerte sie.

„Ich versteh schon. Pass auf, nicht dass hinter der nächsten Ecke ein Massenmörder steht“, sagte ich lachend.

„Hör auf und schließ endlich die Tür auf! Es ist nicht nur gruselig, hier stinkt es auch noch extrem“, motzte Katja.

„Ja, ja, hier ist der Ersatzschlüssel ...“ Ich bückte mich, holte den Zweitschlüssel unter der Fußmatte hervor und schloss auf.

Bevor wir das Haus betraten, warf ich Katja noch einen unsicheren Blick zu, den sie mit einem aufmunternden Lächeln erwiderte. Vielleicht ahnte sie, dass ich nicht wegen irgendwelcher Massenmörder zögerte. Meine Angst rührte ganz woanders her. Als ich mich endlich überwand, das Haus zu betreten und das Licht anzumachen, stachen mir direkt die vielen Bilder an den Wänden ins Auge: von mir mit meinen Eltern, mit meinem Opa oder meiner Oma. Zu guter Letzt standen auf dem Kamin die Hochzeitsfotos meiner Eltern und meiner Großeltern. Alles wirkte so, als wäre er noch hier und nicht wirklich weg. Überall waren seine Sachen, zum Teil auch noch die meiner Oma.

Das alles war mir so vertraut. Wie viel Zeit hatte ich als Kind hier mit meinem Opa verbracht. Wir hatten hinten im Hof Holz gehackt für den Kamin, wobei ich eher zugeschaut und er das Holz gehackt hatte, da ich noch zu klein gewesen war. Wenn Oma meinte, er habe genug getan und solle eine Pause einlegen, gab es als Stärkung ihren selbstgemachten Apfelkuchen und Opa erzählte Geschichten von früher. Wie er nach Deutschland gekommen war, wie er seine Ausbildung in einem Lehrlingsheim gemacht, oder wie er Daphne, meine Oma, kennengelernt hatte.

Vielleicht ahnte Katja, dass ich in Erinnerungen versunken war. Jedenfalls sprach sie die ganze Zeit kein Wort.

Was genau hoffte ich eigentlich, hier zu finden, fragte ich mich.

Wir sahen uns noch ein wenig um, bis ich auf einmal ein Geräusch vor dem Haus hörte. Es klang nach dem Motor eines Autos. Angst machte sich in mir breit. Was, wenn es meine Eltern waren?

„Psst, Katja! Komm schnell!“, zischte ich.

„Was ist denn?“, fragte sie verwirrt.

„Sei leise und komm!“, wiederholte ich. Ich zog sie am Arm mit mir und schaltete im Vorbeigehen das Licht aus. Schon waren wir durch eine Tür auf die Kellertreppe gelangt. Ich tastete nach dem Lichtschalter.

„Mann, Elias, was ist denn?“, flüsterte Katja, als wir unten ankamen. Fragend sah sie mich an.

„Ich hab was gehört vor dem Haus“, antwortete ich schnell.

„Jetzt mal ernsthaft, wer sollte um diese Uhrzeit noch hier vorbeikommen?“, fragte sie und klang dabei schon fast belustigt.

„Keine Ahnung, ich hab halt Panik bekommen. Ich meine, meine Eltern suchen mich. Denkst du nicht, sie werden früher oder später auf die Idee kommen, dass ich hier sein könnte?“ Ich merkte, dass ich fast schon wütend klang.

„Ist ja gut. Ich behaupte ja gar nicht das Gegenteil. Ich meine nur, wer kommt auf die  Idee, um halb zwölf in der Nacht zu dem Haus eines Verstorbenen zu fahren?“, fragte sie mich ganz ruhig. „Warum sollten deine Eltern dich um diese Uhrzeit hier suchen?“

„Du hast ja recht, ich hab halt ein bisschen Angst bekommen. Ich bin nicht so oft auf der Flucht“, stimmte ich ihr verzweifelt zu. Gleichzeitig dachte ich, dass es so weit hergeholt doch auch nicht war, dass meine Eltern sich ausgerechnet nachts auf die Suche nach mir machten. Sie mussten schließlich ahnen, dass ich nicht so blöd war, mich am helllichten Tag in Opas Haus herumzutreiben.

„Ich mache so etwas auch nicht so oft“, scherzte Katja, vermutlich um mich zu beruhigen, und fügte aufmunternd hinzu: „Aber wir schaffen das schon irgendwie!“

Ich nickte nur als Bestätigung. 

„Also komm, lass uns weiter nach Hinweisen auf das Zuhause deines Großvaters suchen. Oder darauf, wo er sich zu Hause gefühlt hat. Was ist wohl in den Kartons da?“, fragte Katja neugierig und zeigte auf zwei Kartons im Kellerregal.

„Keine Ahnung, ich schätze Fotos und solches Zeug“, vermutete ich.

„Vielleicht gucken wir einfach mal nach?“, schlug Katja vor.

Ich nickte, zog die Kartons aus dem Regal und trug sie die Kellertreppe hinauf. Oben angekommen öffnete ich erst einmal ganz langsam die Tür und lauschte. Als ich niemanden im Haus hörte, winkte ich Katja zu mir hoch.

Wir ließen uns im Wohnzimmer vor dem Kamin nieder und öffneten die Kartons. „Schau mal: Das bist du, oder?“, fragte Katja und deutete auf ein paar Fotos, die im ersten Karton obenauf lagen.

„Ja, mit meinem Opa hinten im Hof“, stimmte ich zu.

Katja sah sich weitere Fotos an. Auf den meisten war ich um die vier bis sechs Jahre alt. Immer wieder sah sie zu mir hoch, als würde sie mich mit meinem jüngeren Ich vergleichen wollen. Dabei stahl sich manchmal ein Lächeln in ihr Gesicht, das echt süß aussah. Ich widmete mich dem zweiten Karton. Sofort erkannte ich ein paar Fotos, die mir Oma mal gezeigt hatte. Darauf war Opa zu sehen, vielleicht so zwölf oder dreizehn Jahre alt. Die Fotos waren aufgenommen worden, kurz nachdem Opa mit seinen Eltern von Griechenland nach Deutschland gezogen war. Im Hintergrund Schloss Bladenhorst.

„Katja, du kennst doch sicher Schloss Bladenhorst, oder?“ fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf.

„Hier“, ich zeigte ihr das Foto, „das ist es. Mein Opa ist oft mit mir dahingefahren, um Kastanien zu sammeln. Er hat mir dann erzählt, wie er selbst als Kind dort dasselbe gemacht hat. Aus den Kastanien haben wir anschließend immer eine kleine Armee aus Kastanienmännchen gebastelt, die wir dann im Vorgarten aufgebaut haben.“

Katja lächelte mich liebevoll an und ihre Augen glänzten. „Erzähl mir noch mehr Geschichten von dir und deinem Opa.“

„Na ja ... manchmal sind wir zusammen nach Gelsenkirchen ins Stadion gefahren. Mein Opa war ein riesiger Schalkefan. Es war einfach toll, ihn so jubeln zu sehen, wenn sie ein Tor schossen. Andererseits konnte er sich auch wunderbar aufregen, wenn sie verloren.“ Ich grinste bei der Erinnerung daran.

Katja musste lachen. „Dein Opa hat bestimmt bei jedem Spiel richtig mitgefiebert, oder?“

Ich nickte. „Ja, er hat geschrien wie ein Irrer. Ich fand es ziemlich beeindruckend, welche Begeisterung er für eine Sportart aufbringen konnte. Natürlich konnte ich mitreden und war eine Zeit lang auch so was wie ein Fan. Aber nicht so wie mein Opa. Ich habe nie am lautesten geschrien und musste auch nicht unbedingt jedes Spiel sehen. Eigentlich ging ich seinetwegen mit ins Stadion, um etwas mit meinem Opa zu unternehmen“, schwärmte ich.

Erst jetzt wurde mir klar, wie lange ich schon nicht mehr mit ihm im Stadion gewesen war. Bestimmt schon einige Jahre nicht mehr. Allein deshalb, weil die Karten so teuer geworden waren. Und man ohne Dauerkarte kaum noch eine Chance hatte, ins Stadion zu kommen. Opa hatte natürlich eine Dauerkarte gehabt und war zu jedem Heimspiel gefahren.

Ich musste mir Mühe geben, die Tränen zu unterdrücken. Ich wollte jetzt nicht weinen, erst recht nicht vor Katja. Aus irgendeinem Grund war es mir total wichtig, vor ihr stark zu bleiben, sie zu beeindrucken.

Sie rückte näher an mich heran und legte ihre Hand auf meine Schulter. „Es klingt unheimlich toll, was du und dein Opa so erlebt haben. Und umso mehr tut es mir leid, dass er so früh verstorben ist“, sagte sie.

„Ist schon okay“, murmelte ich.

„Ich finde es auch bewundernswert, dass du ihm jetzt seinen Wunsch erfüllen willst, seine Asche bei ihm zu Hause zu verstreuen. Aber wie hast du dir das vorgestellt?“, fragte Katja vorsichtig. „Willst du den Inhalt der Urne rund ums Haus verteilen, oder wie?“

„Nein, natürlich nicht. Ich weiß es selbst nicht so genau“, gab ich zu. „Ich hab keine Ahnung, ob er mit Zuhause sein Haus gemeint hat. Er könnte genauso gut einen anderen Ort gemeint haben, wo er die Menschen gut kannte und sich einfach wohlfühlte. Es gäbe so viele Möglichkeiten, dass ich es nicht richtig finde, die Asche einfach hier zu verteilen.“

Sie nickte verständnisvoll. „Vielleicht hat er mit Zuhause das Schalker Stadion gemeint. Oder Schloss Bladenhorst, wo er ja nicht nur alleine gern Zeit verbracht hat, sondern auch zusammen mit dir. Komm wir suchen weiter nach seinem wirklichen Zuhause. Solange, bis du dir sicher bist.“

Als nächstes hielt Katja mir einen Stapel Theatertickets vor die Nase: „Dein Opa ist wohl gern ins Theater gegangen.“

„Oh ja, er hat mich oft mitgenommen. Ins Westfälische Landestheater.“

Wir durchsuchten weiter die Kartons nach Hinweisen und Katja wurde schnell wieder fündig. Sie hielt mir ein Foto hin, auf dem eine junge Frau auf einer Brücke stand. Sie hielt eine Rose in der Hand. Katja drehte das Foto um und las vor, was darauf stand: „Jeden Sonntag, 13 Uhr, werde ich auf dich warten. Eine Rose jeden Sonntag. – Das ist ja süß. Deine Oma?“, fragte Katja mich.

Ich betrachte das Foto genauer, schüttelte den Kopf und zog ein weiteres Foto aus dem Karton: „Das hier ist meine Oma. Nicht die da!“

Katja hielt das Foto mit der Frau auf der Brücke neben das Bild meiner Oma. „Stimmt, keine Ähnlichkeit“, bestätigte sie. „Aber wer ist sie dann?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, hab sie noch nie gesehen.“

Katja deutete auf die Brücke: „Weißt du, wo das ist?“

Wieder zuckte ich mit den Achseln.

„Vielleicht finden wir es bei Gelegenheit raus“, sagte Katja und steckte das Foto der unbekannten Frau ein. Ich wusste nicht, was ich von dieser fremden Frau halten sollte, die mein Opa offenbar ziemlich oft getroffen hatte. Ob Oma von ihr gewusst hatte?

Wir suchten weiter. Nachdem wir uns durch einen Haufen unbrauchbarer Fotos und Zettel gewühlt hatten, fand ich ein altes Zeugnis.

„Was ist das?“, fragte Katja mich verwirrt und deutete auf das vergilbte Stück Papier in meinen Händen.

„Ein Zeugnis aus dem Lehrlingsheim, in dem mein Opa seine Ausbildung gemacht hat“, erklärte ich und sie nickte.

„Kann man ja auch mal einstecken oder?“, fragte sie und lächelte mich an.

Ich musste automatisch ebenfalls lächeln und nickte.

Sie steckte das Zeugnis ein und suchte weiter. Auf einmal fragte ich mich, warum Katja das alles für mich machte. Warum half sie mir? Sie dachte ständig mit und hatte Ideen. Zudem war sie unfassbar schlau und echt süß. Moment mal ... süß? Ich schüttelte den Kopf. Ich kannte sie doch kaum. Und trotzdem fand ich sie so faszinierend. Ich wollte nicht schwärmen. Das musste echt aufhören. Ich durfte mich nicht von meinem eigentlichen Ziel ablenken lassen. 

Nerviges Schnipsen riss mich aus meinen Gedanken.

„Bitte, was? Sorry ... war in Gedanken“, entschuldigte ich mich.

„Ist schon gut. Woran denkst du?“, fragte sie.

An dich! Dachte ich. Sagte ich aber natürlich nicht!

„Nur an das alles hier. Und wie dankbar ich dir bin, dass du mich unterstützt“, sagte ich lächelnd.

„Jetzt übertreib mal nicht“, lachte sie.

„Nein, ernsthaft“, bestätigte ich.

„Und wo machen wir jetzt weiter?“, wollte Katja wissen.

„Keine Ahnung. Es gibt so viele Möglichkeiten.“

„Wo hat dein Opa denn eigentlich gearbeitet“, hakte sie nach.

„Zuletzt bei Rüttgers, dem Chemieunternehmen“, sagte ich.

„Warum fangen wir nicht einfach da an, weiter nach Hinweisen zu suchen?“, schlug sie vor.

„Keine schlechte Idee, er hat dort sehr gern gearbeitet“, sagte ich und musste daran denken, wie oft ich früher meinen Opa auf der Arbeit besucht hatte. Manchmal war in der Gegend herumgestreunt, während er seinen Dienst schob und hatte ihn dann pünktlich zum Feierabend abgeholt.

Katja gähnte und schaute auf die Uhr. „Aber erstmal gehen wir schlafen. Es ist schon weit nach Mitternacht.“

 

9 SO VIEL ERLEBT

Lea

Am nächsten Tag machten wir uns schon früh auf den Weg. Wir hatten nur wenige Stunden Schlaf gehabt, aber ich war schon mit dem ersten Vogelzwitschern wach geworden und hatte mich dann unruhig auf der Matratze hin und her gewälzt, die Katjas Oma mir auf dem Dachboden als Bett fertig gemacht hatte. Schließlich hatte ich es nicht mehr ausgehalten und Katja geweckt. Die hatte erst gebrummelt, dass doch Osterferien seien und ich sie ausschlafen lassen solle. Aber dann war ihr unsere Mission wieder eingefallen und sie schien mit einem Schlag hellwach zu sein.

Jetzt fuhren wir unter der alten Eisenbahnbrücke her, die Verbindung von Castrop  nach Herne. Dafür, dass Castrop-Rauxel nicht gerade eine Weltstadt ist, verkehren hier ziemlich häufig Züge.

Auf der einen Straßenseite war ein sehr alter Spielplatz zu sehen, der eigentlich seine Funktion nicht mehr erfüllte, so heruntergekommen sah er aus. Scheinbar gefiel er den Kindern aber immer noch gut genug, denn ich erspähte drei, die dort herumalberten. Ich schätzte sie auf ungefähr zehn Jahre. Sie hatten eine Frisbee dabei und warfen sie sich gegenseitig zu. Dieser Anblick brachte mich kurz zum Lächeln. In dieser Siedlung war noch nie viel losgewesen, deshalb durften auch die Jüngeren hier oft alleine raus. Mit denen hatte dann auch ich gespielt, während ich wartete, dass Opa Feierabend hatte.

Ein Stück weiter die Straße entlang befand sich die Einfahrt zu einem im Wald liegenden Hundeplatz, um den ich immer einen Bogen gemacht hatte. Als ich neun Jahre alt war, wurde ich von einem Hund gebissen, weshalb ich unheimliche Angst vor Hunden hatte.

Direkt neben der Einfahrt befand sich der große Fußballplatz. Erinnerungen an Erlebnisse mit meinem Opa auf diesem Platz wurden in mir wach. Ich hatte früh angefangen, mich für Fußball zu interessieren. Ich war vielleicht vier Jahre alt, als meine Opa mich hier im Verein anmeldete, weil ich beschlossen hatte, Profifußballer zu werden. Daraus wurde allerdings nichts, denn schon nach zwei Jahren ging ich nicht mehr hin. Ich hatte einfach das Interesse am Fußballspielen verloren. Opa nahm es schließlich mit einem Schulterzucken hin, obwohl er mich immer unterstützt und ermutigt hatte. Wahrscheinlich hatte er heimlich gehofft, sein Enkel würde irgendwann auf Schalke spielen.

Direkt neben dem Fußballplatz war eine Bude. Ein Traditionsbetrieb, wie mein Opa immer betont hatte. Ich hatte mir dort gerne etwas zum Naschen geholt, und da sie mich dort bald kannten, bekam ich oft noch etwas gratis dazu. Mit Stolz hatte ich dann immer meinem Opa davon erzählt.

Es waren schon eine Menge Erinnerungen, die hier auf mich einströmten.

Und nun bogen wir in die Friedenstraße ein. Von weitem erkannte ich schon das riesige Chemiewerk am Ende der Straße. Hier standen eine Menge alter Zechenhäuser, von denen ich weiß, dass Opa mal in einem gewohnt hatte, bevor er das Haus in Pöppinghausen gebaut hatte. Warum hatte ich ihn nie gefragt, in welchem Haus genau er gewohnt hatte, dachte ich jetzt. Ich merkte, dass ich traurig wurde.

„Hey Du! Wir sind da! Bist du überhaupt hier? Elias!“

Ich spürte ein Kneifen an meinem Arm.

„Au! Spinnst du?“, maulte ich Katja an.

„Tut mir leid, du warst voll weggetreten, und wir sind jetzt da. Und ich bin der Meinung, dass wir keine Zeit verschwenden sollten!“, erklärte Katja.

Da hatte sie recht. Sie war schlau. Ich schnaufte noch einmal und stieg aus dem Auto. Wir liefen auf das riesige Werk zu und je näher wir kamen, desto nervöser wurde ich. Die letzten Minuten, all die Erinnerungen, kreisten in meinem Kopf wie in einem Karussell, meine Gefühle schwankten zwischen Traurigkeit, Neugier und Freude, und ich wusste echt nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

Katja schaute mich an, als ob sie wissen wollte, ob ich überhaupt bereit war. Ich nickte ihr zu und ging mit großen Schritten Richtung Werkseingang. 

In dem kleinen Pförtnerhäuschen, in dem mein Großvater dreißig Jahre seinen Dienst getan hatte, saß nun ein jüngerer Mann, der aussah, als hätte er keinen großen Spaß an seiner Arbeit. Als er uns entdeckte, wandte er sich dem Schalterfenster zu. „Was wollt ihr denn hier?“, fragte er durch die Sprechanlage und klang dabei genauso genervt, wie er schaute.

„Wir wollten Sie etwas über ihren Vorgänger fragen, wenn Sie nichts dagegen haben, Herr ...“ Ich warf einen Blick auf sein Namensschild. Patrick Imholz stand darauf. „... Herr Imholz“, schloss ich meinen Satz ab.

„Mein Vorgänger? Kanntet ihr ihn? Er ist doch kürzlich verst ...“

Ich unterbrach ihn mitten im Satz: „Ja, ich bin sein Enkel. Und: Ja, er ist gestorben. Könnte ich nun vielleicht etwas über seine Arbeit hier erfahren?“

Dümmer hätte ich die Frage wohl kaum formulieren können. Erstaunlicherweise fand der genervte Herr Imholz die Frage offenbar nicht ganz so dämlich.

„Mein Beileid ... Also, ich weiß nicht so viel über seine Zeit hier. Vielleicht hole ich eben einen alten Arbeitskollegen. Der kann euch eher weiterhelfen.“

Er verließ das Pförtnerhäuschen.

Katja schaute auf ihr Handy: „Wir liegen gut in der Zeit.“

Ich blickte auf ihr Display: „Du hast mehrere Anrufe in Abwesenheit.“

„Meine Eltern“, erklärte Katja. 

Ich fragte nicht nach, warum sie nicht zurückrief. Sie hatte sicherlich ihre Gründe.

Ein „Hallo“ ließ uns aufschrecken. Hinter uns stand ein älterer Mann: „Mein Name ist Ben Rahde.“ Er reichte uns die Hand. „Erstmal mein herzliches Beileid. Ich habe gehört, ihr wollt mehr über deinen Großvater erfahren, richtig?“ Dabei zeigte er auf mich.

Wir nickten.

Katja erklärte: „Wir wollen die Orte, an denen er oft war, noch einmal besuchen und herausfinden, wie es ihm dort gefiel. Er hatte doch Spaß an seiner Arbeit, oder?“

Ben setzte an: „Oh ja, und ob er das hatte! Ich kannte keinen Menschen, der so gerne zur Arbeit ging. Er hat immer sehr viel gelacht und hatte zu jedem einen guten Draht. Jeder konnte Phillipos gut leiden. Er bekam sogar mehrmals einen Preis als beliebtester Mitarbeiter. Und das war er auch. Bis er dann 2013 in Rente ging.“

Ich überlegte, ob ich genauer nachhaken sollte, aber wozu? Bens wenige Worte hatten ausgereicht, um mich zu überzeugen, dass Opa seine Arbeit Spaß gemacht hatte.

„Ich danke Ihnen sehr“, sagte ich. „Das zu hören macht mich ...“ Ich brach mitten im Satz ab, weil Katja mich getreten hatte. „Au!“ Ich sah sie irritiert an. Dann begriff ich. „Ich wollte sagen: Das macht uns sehr glücklich.“

Katja lächelte mich an. Das gefiel ihr anscheinend besser.

Wir verabschiedeten uns von Ben und gingen dann zurück Richtung Auto.

„Du, warte mal, was hat dein Großvater eigentlich früher gemacht?“, fragte Katja mich. „Wenn er dreißig Jahre bei Rüttgers als Pförtner gearbeitet hat, muss er doch vorher irgendwas anderes gemacht haben.“

Sie war wirklich scharfsinnig, fiel mir wieder auf.

„Er war Bergmann auf der Zeche Ickern. Und während der Ausbildung hat er in einem Lehrlingsheim gewohnt. Dort sollten wir auch hin. Davon müsste doch was auf dem Zeugnis stehen, das du eingesteckt hast.“ 

Ich wollte gerade die Autotür öffnen, als Katja nach meiner Hand griff.

Ich schaute sie verwirrt an.

Sie lächelte. „Wie wär’s, wenn wir vorher zum Schloss Bladenhorst laufen? Ich meine, es ist doch nicht weit von hier.“

Sie hatte schon wieder recht! 

„Aber ich muss zugeben“, setzte sie an, „dass ich nicht genau weiß, wo wir lang müssen. Kennst du den Weg?“, fragte sie mich mit einem Hundeblick.

Endlich mal etwas, bei dem ich auftrumpfen konnte. „Sicher kenn ich den. Sind nur ungefähr zehn Minuten zu Fuß, wenn wir uns beeilen.“

„Beeilen? Och nee, lass langsam gehen! Ist doch viel angenehmer, und so kann man vielleicht noch etwas entdecken.“ Damit lag sie wieder richtig. 

Ich bemerkte, dass wir immer noch Hand in Hand dastanden und zog meine verlegen weg. Katja wurde leicht rot. Und ich wollte gar nicht wissen, wie meine Gesichtsfarbe aussah.

Sie schloss ihr Auto ab, und erst als sie schon einige Schritte vorausgegangen war, merkte ich, dass ich noch immer wie angewurzelt stand. Ich nahm meine Beine in die Hände und sah zu, dass ich Katja einholte.

Nun liefen wir nebeneinander die Friedenstraße entlang, vorbei an alten Häusern, was mir sehr gefiel. Ich erinnerte mich, dass ich hier gelernt hatte, Fahrrad und Inliner zu fahren. Wie oft ich hier auf die Fresse geflogen war, wie oft ich dem Boden nahe war und wie oft ich in schöne Pfützen gefallen war ... das war schon toll! Nein, im Ernst, es waren schöne Erinnerungen, auch wenn ich damals ein ganz schönes Weichei gewesen war und oft geweint hatte. Ich erinnerte mich aber auch an den Stolz, mit dem ich Opa davon erzählt hatte, wie ich das erste Mal die Straße mit dem Fahrrad entlang gefahren war, ohne zu stürzen. Und irgendwie war es ein schönes Gefühl, so viele Erinnerungen und schon so viel erlebt zu haben.

Katja tippte mich leicht an: „Du, wo müssen wir jetzt hergehen?“

Ich merkte, dass ich ganz in Gedanken vertieft stehengeblieben war. „Nach rechts, bis zum Ende der Straße“, erklärte ich.

Als wir dem Wald näherkamen, spürte ich plötzlich, wie sehr ich mich freute, gleich das Schloss zu sehen. Ich war verdammt lange nicht mehr da gewesen.

Wir liefen an einem kleinen Gärtchen vorbei, in dem Hühner vor sich hin pickten.

Katja fing an zu lächeln: „Ich mag Hühner, ich finde die irgendwie niedlich. Komisch, aber wahr. Meine Babuschka hatte früher auch welche im Garten.“

Ich fand das gar nicht so komisch, Hühner waren doch wirklich niedlich. „Mein Opa hat mir erzählt, dass viele griechische Einwanderer in Castrop-Rauxel sich früher Hühner und andere Tiere hielten. So, wie sie es von zu Hause gewohnt waren. Vielleicht war das bei Russen ähnlich, wenn deine Oma ... Katja, was machst du denn da?“

Sie stand plötzlich inmitten der Hühner.

„Dieter!“, schrie sie und starrte dabei eines der Hühner an.

War sie vollkommen durchgeknallt? Ich wusste es echt nicht.

„Katja, ich glaube, wir sollten weiter. Was denken sonst die Leute? Du redest gerade mit einem Huhn. Und du hast es Dieter genannt.“

Katja fing an zu lachen, und auch ich musste losprusten. Wir verfielen beide in einen unheimlichen Lachkrampf. Wann hatte ich das letzte Mal so viel Spaß gehabt, fragte ich mich. Seitdem Opa gestorben war sicher nicht mehr.

Katja verabschiedete sich von „Dieter“, dann gingen wir weiter.

„Was war das gerade für eine verrückte Aktion?“, fragte ich sie, als wir den Wald betraten.

„Ich lebe nach dem Motto: Spaß muss sein. Außerdem, findest du nicht, dass das Huhn wie ein richtiger Dieter aussah? Auch wenn mir klar ist, dass Hühner weiblich sind ...“ Sie lachte. „War es echt so verrückt?“

Ich nickte nur, denn ich hörte schon von weitem lautes Gebell vom Hundeplatz. Ich schluckte. „Ich mag Hunde nicht“, sagte ich und versuchte mir die Angst nicht anmerken zu lassen.

„Wieso denn nicht?“, fragte Katja verwundert.

„Ich wurde mal von einem Hund gebissen, ist aber keine große Sache.“ Ich versuchte, stark zu klingen, aber innerlich zitterte ich.

Am Hundeplatz angekommen, beschleunigte ich mein Tempo. Katja kam kaum hinterher. Erst an einer kleinen Brücke, die weit hinter dem Hundeplatz über einen schmalen Fluss führte, verlangsamte ich meine Schritte wieder.

Katja war noch ganz außer Atem und fragte verwundert: „Wieso bist du denn so schnell gelaufen?“

„Ich wollte dir unbedingt diesen Platz zeigen.“ Notlügen sind nicht meine Stärke, aber diese hier fand ich selber ziemlich gut.

Sie bestaunte die riesige Wiese. „Es ist unheimlich schön hier.“ 

Hier hatte ich oft mit Opa gepicknickt, doch das behielt ich für mich. Bestimmt langweilte ich Katja schon mit den ganzen Erinnerungen an ihn.

Ich lief voraus, Katja hinter mir her. 

Dann geschah es: Etwas rannte blitzschnell auf uns zu. Ich erkannte zu spät, was es war. Ein Hund! Ich bekam Panik. Der Hund sprang mich an. Ich schrie.

„Elias, der ist doch ganz lieb“, hörte ich Katja rufen. „Der ist bloß verspielt.“

Ich musste geschrien haben wie ein Mädchen. Wie peinlich! Was sollte Katja denn von mir denken.

Der Hund wedelte fröhlich mit dem Schwanz, leckte mich ab und ich ekelte mich zu Tode, bis der Besitzer endlich kam und den Köter von mir wegzog. 

„Es tut mir unheimlich leid!“, sagte er zu mir. „Alaska ist normalerweise nicht so. Tut mir wirklich leid.“

„Ach, kein Problem, der ist doch bloß verspielt“, winkte ich ab. 

Der Hundebesitzer spazierte mit Alaska weite, aber Katja konnte sich nicht mehr halten vor lachen. „Tja, bist du also doch nicht so stark, wie du tust“, sagte sie spöttisch.

Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. „Na, jetzt komm, wir wollten doch zu Schloss Bladenhorst, da vorne ist es“, sagte ich ungeduldig.

Wir gingen weiter. Eine peinliche Stille lag in der Luft.

Endlich standen wir auf dem Hof des Schlosses. Die Kastanienbäume hatten eine Menge Äste verloren. Wahrscheinlich wegen des Sturms. Der Hof war übersät davon. Katja stolperte über einen Ast und fiel in meine Arme.

Das gab es doch nicht, so viele peinliche Momente kurz hintereinander! Immerhin, dieses Mal wurde auch sie rot. Mit hochroten Gesichtern schauten wir in die Baumkronen. Keine Kastanie weit und breit. War auch kein Wunder, es war schließlich gerade mal Anfang April.

Ich dachte daran, wie wir früher immer diese Figuren aus Kastanien gebastelt hatten. Daran, wie glatt die Kastanien sich angefühlt und wie sie in der Herbstsonne geleuchtet hatten. Ein Stückchen weiter befand sich das Schloss. Opa hatte erzählt, wie er dort als Kind manchmal Ritter gespielt hatte. Sicherlich nicht mehr lange, denn 1960, also mit zwölf Jahren, war er erst nach Deutschland gekommen. Und schon zwei Jahre später hatte er seine Ausbildung als Bergmann begonnen. 

„Schön hier“, sagte Katja.

„Ja, ich glaube, es war ein wirklich wichtiger Ort für Opa“, entgegnete ich. „Komm, ich glaub, ich hab genug gesehen. Lass uns zum Auto zurückgehen. Ich würde mir gern das Lehrlingsheim anschauen, in dem Opa während seiner Ausbildungszeit gelebt hat.“

„Na, dann los. Wer zuerst am Auto ist ...“, rief Katja und rannte los. 

Ich rannte hinterher.

Wir hatten den Weg schon bis zur Hälfte rennend zurückgelegt, als wir einen Kinderschrei hörten. Ich blieb schlagartig stehen und drehte mich um. Hinter uns war ein kleiner Junge mit seinem Fahrrad gestürzt. Er weinte. Ich ging zu ihm und hielt ihm meine Hand hin. Als er sie nahm, zog ich ihn hoch.

Verletzt hatte er sich anscheinend nicht. Nur erschrocken. Ich kannte das Gefühl nur zu gut von früher.

„Du, Kleiner“, sagte ich ruhig, „wein doch nicht! Irgendwann bist du stolz, so viel erlebt zu haben.“

 

10 EIN MULMIGES GEFÜHL

Lorena

Elias und ich machten uns auf den Weg zum Meisenhof, dem Lehrlingsheim für angehende Bergleute. Wir wollten diesen Ort, an dem Phillipos seine Lehrzeit verbracht hatte, unbedingt kennenlernen.

Bei dem Wort Meisenhof braute sich aus irgendeinem Grund ein mulmiges Gefühl in meinem Magen zusammen. Ich wusste, wenn auch nur im hintersten Stübchen meines Gehirn, irgendwoher kannte ich diesen Namen. Aber ich bekam den Gedanken nicht wirklich zu greifen.

Unterwegs erklärte mir Elias, was er aus der Lehrzeit seines Opas wusste: „Mein Opa erzählte mir, dass er im Lehrlingsheim viele Freunde hatte. Er genoss das, was er dort tat: die Ausbildung zum Bergmann. Am Anfang lernten sie nur in der Schule, doch mit sechzehn gingen sie auch unter Tage.“

„Wie alt war er denn, als er mit der Lehre anfing?“

„Vierzehn. Und siebzehn als er fertig wurde. Kurz darauf, im Jahr 1964, schloss das Lehrlingsheim“, erklärte Elias.

Ich staunte: „In dem Alter schon unter Tage. Und mit siebzehn schon voll im Beruf. Was haben wir dagegen für ein gemütliches Leben.“

Elias nickte. „Opa sagte, Kindheit und Jugend haben damals nicht lange gedauert. Aber im Meisenhof durfte er trotz Lehrzeit noch ein bisschen jugendlich sein.“

„Aber wenn das Lehrlingsheim 1964 geschlossen wurde“, sagte ich, „was sehen wir uns dann eigentlich an?“

Elias zuckte die Schultern „Ich weiß auch nicht, was aus dem Meisenhof geworden ist. Müssten wir nicht gleich da sein?“ Er schaute noch einmal auf die Adresse, die er sich notiert hatte. 

Das hätte er sich sparen können. Denn wir waren gerade angekommen. Ich schaltete den Motor ab. 

Die Kinnladen fielen uns herunter, als wir sahen, was der Meisenhof heute war: eine Justizvollzugsanstalt! Daher also mein mulmiges Gefühl beim Namen Meisenhof. Jetzt wusste ich wieder, warum ich mit dem Namen nicht so gute Gedanken verband.

Erstmal mussten wir uns setzten. Ich suchte uns eine mit Bäumen und Büschen bepflanzte Stelle aus.

Als wir verdaut hatten, dass das ehemalige Lehrlingsheim heute ein Gefängnis war, erzählte Elias weiter: „Unter Tage lernten mein Opa und seine Freunde zum Beispiel wie man einen Stempel setzt.“

Ich unterbrach ihn schon wieder: „Stempel, was für Stempel?“

Er erklärte: „Ein Stempel ist ein Stützbalken. Unter der Erde konnte die Gesteinsdecke schnell einbrechen, also mussten die Bergleute für Stabilität sorgen.“

Wir saßen noch eine Weile und ich ließ Elias seinen Gedanken nachhängen.

„Und?“, fragte ich schließlich, „meinst du, den Meisenhof hat er als sein Zuhause bezeichnet?“

„Vielleicht“, sagte Elias nachdenklich. „Er hat sich dort jedenfalls sehr wohlgefühlt.“

„Dann lass uns mal weiter. Der Meisenhof bleibt auf jeden Fall auf der Liste“, schlug ich vor.

„Lass uns erst noch eine kleine Runde ums Gelände drehen“, sagte Elias. „ich würde mir gern noch ein bisschen die Beine vertreten, ehe wir uns schon wieder ins Auto setzen.“

Skeptisch blickte ich in den Himmel. Die grauen Wolken sagten mir, dass sich auch da etwas zusammenbraute. Aber ich sagte nichts und folgte Elias auf einem kleinen Pfad an der Emscher entlang.

 

11 TREFFPUNKT EMSCHERBRÜCKE

Lorena

Ich blieb stehen. Die Brücke hatte etwas an sich, das mich innehalten ließ, doch wusste ich nicht, was es war.

„Warte mal, Elias, ich möchte auf die Brücke!“

Er folgte mir kopfschüttelnd: „Was habt ihr Frauen immer mit Brücken? Katja, das ist die Emscher. Da fließt Abwasser drin. Bist du verrückt geworden?“

Ich ignorierte ihn einfach. Er würde es sowieso nicht verstehen, als Mann! Also starrte ich in das plätschernde Wasser. Im Sommer, wenn es heiß war und das Wasser der Emscher träge dahinfloss, stank es hier wahrscheinlich gewaltig. Aber jetzt war es kühl und das Abwasser in der Emscher war durch das Regenwasser stark verdünnt. Der Wasserspiegel war in den letzten Tagen durch den Regen extrem angestiegen. Und jetzt fing es schon wieder an.

„Komm, Katja, stellen wir uns unter“, schlug Elias vor.

Wir suchten Schutz unter einem Vordach in der Nähe.

„Wusstest du“, fragte ich Elias, „dass die Emscher im Moment umgebaut wird? Das Abwasser wird bald nicht mehr in den Fluss geleitet, sondern in unterirdische Kanalröhren. Und hier oben fließt die Emscher dann wieder sauber. Und aus ihrem Betonbett wird sie auch befreit. Dann ist sie wieder ein richtiger Fluss!“

„Nein“, sagte Elias. „Das wusste ich nicht.“

Zufrieden grinste ich Elias an. Er schien beeindruckt. Darum verriet ich ihm nicht, dass es meine Cousine Ella war, der ich dieses Wissen zu verdanken hatte. In Dortmund, wo Ella wohnte, war die Emscher jetzt schon wieder ein sauberer Fluss. In Castrop dürfte es auch bald so weit sein.

Bald hörte der Regen wieder auf. Das Wasser hatte sich in Pfützen gesammelt. Durch die patschten wir auf die Brücke zurück. Wir schauten wieder ins Wasser, Elias dieses Mal genauso gebannt wie ich, sodass wir nicht gleich bemerkten, dass jemand auf die Brücke gekommen und ein paar Meter entfernt von uns stehengeblieben war. 

Ich betrachtete die Frau aufmerksam. Irgendetwas an ihr brachte mich zum Nachdenken. Dann fiel es mir endlich ein. Ich zog das Foto aus der Tasche, das ich eingesteckt hatte, als wir im Haus von Elias’ Opa gewesen waren. Tatsächlich: Wir standen auf derselben Brücke, die auf dem Foto zu sehen war. Das Foto zeigte eine Frau auf dieser Brücke. Sie hielt eine Rose in der Hand.

Die Frau, die jetzt neben uns auf der Brücke stand, hatte ebenfalls Rosen in der Hand. Ihre Augen sahen aus, als hätte sie geweint.

Ob sie das war? Aber nein, das konnte nicht sein! Das Bild war doch schon so alt.

Ich stupste Elias an. Hielt ihm das Foto hin. Wie ein Irrer starrte er erst das Bild, dann die Frau an. 

Die Frau schaute zu uns herüber. Musterte uns. Dann guckte sie Elias in die Augen. Konnte den Blick offenbar gar nicht mehr abwenden. Was war denn mit der los?

Kurz darauf wusste ich es. Sie sprach Elias an: 

„Entschuldige, wenn ich dich so anstarre. Du kamst mir eben vor wie eine Erscheinung. Du hast wunderschöne Augen. Ich kannte früher jemanden, der genau solche Augen wie du hatte. Leider ist er verstorben.“ Sie fing wieder an zu schluchzen, drehte sich weg und mit den Worten: „Phillipos, ich werde dich immer lieben“, warf sie eine Rose ins Wasser.

„Phillipos?“, fragte ich.

Die Frau wandte sich uns wieder zu: „Er ist gestorben. Ich habe seine Todesanzeige in der Zeitung gesehen.“ Wieder schluchzte sie auf.

Elias neben mir starrte sie nur weiter an.

Ich hielt der Frau das Foto unter die Nase: „Dann sind Sie das?“

Die Frau schlug sich die Hand vor den Mund. Dann blickte sie wieder Elias an: „Es ist kein Zufall, dass du seine Augen hast, oder?“

„Phillipos war mein Opa“, erklärte Elias. Ich hörte seiner Stimme an, dass er nicht gerade begeistert über unsere neue Bekanntschaft war. „Aber wer sind sie überhaupt? Und wusste meine Oma von Ihnen?“

Die Frau lächelte. „Keine Angst. Phillipos und ich kannten uns, ehe er deiner Großmutter begegnete. Ich heiße Yvonne. Ich kannte deinen Opa früher einmal sehr gut. Wir lernten uns im Katastrophenjahr kennen. Es regnete furchtbar. Die Emscher war über die Ufer getreten. Hatte die Straßen ringsum überflutet. Das war im Jahre 1968. Viele Keller waren voll Wasser gelaufen. Auch der im Haus meiner Eltern, wo ich damals noch wohnte. Phillipos half uns, das Wasser aus dem Keller zu schöpfen. Ich weiß nicht, wie viele Stunden wir brauchten, bis endlich auch das letzte Wasser aus dem Keller weggeschafft war. Aber dieser junge Grieche half bis zum Ende mit. Machte Scherze und lachte die ganze Zeit. Ließ sich seine Laune auch vom Gestank der Emscher, die schon damals verdreckt war, nicht verderben. Ich habe mich natürlich sofort in ihn verliebt.“

Wir lauschten gebannt. Yvonne fuhr fort: „Danach wurde das Flussbett um viereinhalb Meter vertieft. Irgendwann wurde ein neues Pumpsystem gebaut. Das half zwar gegen Überflutungen, aber die Emscher stank immer noch zum Himmel. Phillipos und mir aber war das egal. Wir trafen uns jeden Sonntag um ein Uhr mittags hier an dieser Brücke. Er begrüßte mich immer mit den Worten: ‚Wenn die Emscher stinkt, wird es morgen gutes Wetter geben.’ Phillipos war immer gut gelaunt, es hat solchen Spaß gemacht sich mit ihm zu treffen.“

Schweigend starrte Yvonne auf das Wasser.

„Und dann?“ fragte Elias.

„Meine Eltern verboten mir, mich weiter mit ihm zu treffen. Ausgerechnet einer aus Griechenland, ein Gastarbeiter! Das konnten sie nicht akzeptieren. Schweren Herzens brach ich den Kontakt zu Phillipos ab. Wenig später muss er dann deine Oma kennengelernt haben. Manchmal ging ich trotzdem sonntags auf die Emscherbrücke. Dein Opa war natürlich nie da. Ich weiß, es klingt merkwürdig, aber der Gestank der Emscher erinnerte mich an das Glück, das ich mit Phillipos hatte. Wenn uns auch nicht viel Zeit vergönnt war. Deshalb komme ich bis heute gern hierher.“

Ich fragte mich, warum Yvonne sich nicht gegen ihre Eltern durchgesetzt hatte. Aber das war für eine junge Frau zu der damaligen Zeit wahrscheinlich nicht leicht. Und ich selbst lasse mir von meinen Eltern ja auch immer noch viel zu viel vorschreiben, dachte ich.

Yvonne verabschiedete sich.

Elias und ich blieben noch einige Zeit auf der Brücke stehen.

Auch die Emscherbrücke, dachte ich, war zumindest eine zeitlang ein Zuhause für Phillipos gewesen. Er war hier glücklich gewesen. Warum sonst hätte er das Foto so lange Zeit aufbewahren sollen? Ob Elias das auch so sah?

Die schönen Rosen waren weggeschwommen. Es fing wieder an zu regnen. Wir gingen in Richtung Auto. Setzten uns hinein. Im Auto herrschte Stille. Wir dachten beide über diesen Ort nach. Keiner von uns wollte etwas sagen. Es war aber auch gut so. Irgendwann startete ich das Auto.

„Wohin jetzt?“, fragte ich.

 

12 AUF SCHALKE

Martin und Michèle

Katja ruft Galina an und sagt Bescheid, dass sie mit Elias in die Veltins-Arena gehen will, um zu schauen, wo Elias’ Opa bei den Spielen der Schalker immer gesessen hat.

„Da wollten Phillipos und ich auch irgendwann mal gemeinsam hin“, sagt Galina traurig. Sie kannte Phillipos zwar erst seit kurzem. Aber sie hatten schon so viele Pläne gemacht – Pläne, die sie nun nicht mehr ausführen werden. Das macht Galina traurig. Sie war noch nie in einem Fußballstadion.

„Komm doch einfach mit uns mit, Babuschka“, schlägt Katja spontan vor.

Galina ist völlig entzückt von dieser Idee. Im Anschluss an das Telefonat holen Katja und Elias sie deshalb mit dem Auto ab und fahren gemeinsam nach Gelsenkirchen zur Veltins-Arena.

Auf dem Weg dorthin fängt es wieder sintflutartig an zu regnen, kräftig zu stürmen und zu gewittern, aber sie lassen sich von dem Unwetter nicht beeindrucken und fahren zielstrebig weiter.

„Ich liebe Gewitter!“, ruft Galina und ist ganz aufgekratzt.

Als sie ankommen und aus dem Auto aussteigen, nieselt es zum Glück nur noch ein bisschen. Das letzte Stück zur Arena müssen sie nämlich zu Fuß zurücklegen.

Sie sehen Leute aller Altersgruppen. Kinder, die Seite an Seite mit ihren Vätern und Opas zum Spiel gehen, Jugendliche in Gruppen und Liebespärchen, die alle gemeinsam ihren Lieblingsclub spielen sehen und unterstützen wollen.

Plötzlich fällt Elias etwas auf: „Wir haben ja nur Opas Dauerkarte. Damit kommt nur einer von uns rein. Ich hab überhaupt nicht mehr dran gedacht, dass das Spiel völlig ausverkauft ist.“

Daraufhin machen sie sich auf den Weg zu den unzähligen Schwarzhändlern, die vor dem Stadion illegal Karten verkaufen. Die möchten die Karten jedoch zu völlig überwucherten Preisen loswerden, also müssen Elias, Katja und Galina sich einen Plan überlegen, wie sie trotzdem ins Stadion gelangen können.

„Ich habe eine Idee“, sagt Galina.

Katja erwidert: „Welche denn?“

„Ich stelle mich dort an den Eingang, quatsche ein bisschen mit dem jungen Ordner und lenke ihn so ab. In der Zeit huscht ihr hinter seinem Rücken durch das Drehkreuz. Zack – und ihr seid drin!“, schlägt Galina im Brustton der Überzeugung vor.

Katja sieht sie verwundert an. „Aber Babuschka, was ist denn mit dir? Du wolltest doch unbedingt mit hinein.“

„Ach, mach dir um mich keine Sorgen, meine Süße. Geht ihr, ich kann doch ein anderes Mal hingehen. Ohne Phillipos ist es sowieso nicht dasselbe. Also, lasst uns hier nicht Wurzeln schlagen, sondern Taten folgen lassen.“

Galina geht sehr selbstbewusst auf einen der Ordner zu, der in einer orangefarbenen Jacke am Eingang steht. Und sofort verwickelt sie ihn in ein Gespräch – ein endlos scheinendes Gespräch! Währenddessen hält Elias die Dauerkarte seines Opas vor den Scanner am Drehkreuz. Katja klammert sich an Elias’ Rücken, damit sie gemeinsam durch das Drehkreuz huschen können.

„Mist, der andere Ordner, der hat uns gesehen!“, ruft Elias plötzlich. „Wir müssen schnell weg!“

Sie rennen einfach geradeaus durch die Sicherheitskontrollen und hechten die Treppenstufen hinauf. In der Menschenmenge verliert der Ordner zum Glück schnell die Übersicht, sodass die beiden ihm tatsächlich entkommen.

Noch immer außer Atem stehen Elias und Katja in der Südkurve und suchen Phillipos’ alten Sitzplatz. Sie drängeln sich durch die Reihen. Als sie den Platz gefunden haben, stellt Katja fest: „Wir haben ja nur einen Sitzplatz zu zweit! Da musst du mich wohl auf den Schoß nehmen.“ 

„Vielleicht haben wir ja Glück und der Platz neben uns bleibt frei“, meint Elias.

Aber sie haben kein Glück. Ein älterer Schalke-Fan mit einem Pappbecher Bier in der Hand setzt sich im nächsten Moment neben sie. Er wirft einen verwunderten Blick auf die beiden und spricht sie an: „Wer seid ihr denn? Warum ist Phillipos nicht da?“

„Ich bin Elias, Phillipos’ Enkel. Er ist vor ein paar Tagen sehr plötzlich an einem Herzinfarkt verstorben“, erzählt Elias dem etwas ungepflegten, dicken Mann traurig.

Der Mann wirkt betroffen. „Mein herzliches Beileid“, sagt er. Dann mustert er Elias gründlicher und sagt: „Jetzt erinnere ich mich an dich. Als du noch kleiner warst, bist du doch öfter mit deinem Opa ins Stadion gegangen.“

„Das stimmt“, bestätigt Elias. „Ich erinnere mich allerdings nicht an Sie.“

„Ich heiße Wolfgang, aber nennt mich ruhig Wolle“, stellt der Mann sich vor. „Dein Opa und ich kannten uns schon Ewigkeiten. Als wir junge Männer waren, saßen wir im alten Parkstadion immer nebeneinander, da warst du wahrscheinlich noch gar nicht geboren. Als die neue Arena eröffnet wurde, haben wir uns aus den Augen verloren. Sind uns dann mal zufällig bei einem Spiel über den Weg gelaufen. Da warst du dabei. Aber kein Wunder, dass du dich nicht erinnerst, warst ja noch klein. Später – da hast du dich wohl nicht mehr für Fußball interessiert – haben Phillipos und ich unsere Dauerkarten gemeinsam gekauft. Seitdem sitzen wir wieder bei jedem Heimspiel nebeneinander“, erklärt Wolle. „Saßen“, fügt er dann traurig hinzu. „Wir haben das eine oder andere Bierchen zusammen getrunken. Ach ja, was wir hier gemeinsam erlebt haben ... leider auch die Zeiten, in denen jedem Schalke-Fan das Herz blutete ...“, schwelgt Wolle in Erinnerungen.

Dann wird er durch den Anpfiff unterbrochen. Eine Hymne ertönt und sechzigtausend Schalke-Fans grölen lautstark mit. Auch Katja und Elias werden in den Bann gezogen.

In der 90. Minute ist es endlich soweit. Klaas-Jan Huntelaar erzielt das 1:0. Ein riesiger Aufschrei in der Arena. Die Menge tobt. Die Leute fallen sich gegenseitig in die Arme. Dann hören sie wieder Donnergrollen und Regen.

Erschrocken ruft Katja: „Oh nein, Babuschka! Sie steht bei dem Wetter draußen und ist bestimmt total durchnässt! Wir müssen schnell zu ihr.“

„Wolle, komm mit!“, sagt Elias. „Du musst mir unbedingt eure Plätze im alten Parkstadion zeigen.“

Die drei eilen – so schnell es in dem Gedränge möglich ist – aus der Arena und suchen im Gewühl nach Galina. Unter einem Vordach finden sie Katjas Oma endlich. Mit dem Ordner an ihrer Seite und einem Becher mit warmem Tee in der Hand.

Der Schauer ist schon wieder vorbei und Elias tritt ungeduldig von einem Bein auf das andere.

Als Katja seine Ungeduld bemerkt, schlägt sie vor: „Lassen wir Babuschka hier doch in Ruhe ihren Tee austrinken. Nachdem wir im Parkstadion waren, holen wir sie wieder hier ab.“

Weil Galina sofort einverstanden ist, machen Katja, Elias und Wolle sich ohne sie auf den Weg. Sie stapfen durch tiefe Pfützen in Richtung des benachbarten Parkstadions. Dort angekommen stehen sie vor der Gegengerade und den riesigen Flutlichtmasten. Katja fragt verdutzt: „Wo sind denn die restlichen Tribünen?“

Wolle, der Schalke-Experte, hat natürlich eine Antwort parat: „Sie bauen das Parkstadion gerade zu einem Amateurstadion um, in dem dann die Jugendmannschaften und die zweite Mannschaft ihre Spiele austragen können. Deshalb ist hier gerade alles ein bisschen im Umbau.“

Plötzlich rennt Wolle so schnell er kann los und ruft den Teenagern zu, dass sie ihm folgen sollen. Sie laufen über das alte, umgepflügte Spielfeld und steigen unermüdlich die steilen Treppen der Tribüne hinauf, bis sich Wolle auf eine dieser grünen Bänke setzt, welche sich über die ganze Tribüne erstrecken. Katja und Elias setzen sich neben ihn. Sie blicken auf die zwischen pechschwarzen Gewitterwolken blaustrahlende Veltins-Arena.

„Hier habt ihr also gesessen damals?“, fragt Elias.

Wolle sagt: „Ja, hier saßen dein Opa und ich jedes Heimspiel.“ Dann fügt er traurig hinzu: „Auch 2001.“

„2001? Was war in dem Jahr?“, hakt Katja nach.

Wolle kullert eine Träne über die Wange und tropft auf seine Kutte. Er antwortet mit gedämpfter Stimme: „Da wurden wir Meister der Herzen. Ich erinnere mich genau. Nach dem Abpfiff im Parkstadion warteten wir gespannt auf das Ergebnis aus Hamburg. Alles hing nun  von dem Spiel HSV gegen Bayern München ab. Es hieß, das Spiel in Hamburg wäre auch schon vorbei. Und damit hätte sich entschieden, dass wir Meister waren. Wir freuten uns wie verrückt ... Aber dann der Schock: Das Spiel war noch nicht abgepfiffen. Und im letzten Moment schoss Bayern gegen den HSV das entscheidende Tor. Als die Nachricht zu uns ins Parkstadion drang, waren wir alle wie gelähmt: Schalke war doch nicht Meister, sondern Bayern. Ihr werdet vielleicht einmal im Fernsehen Bilder von diesen Momenten sehen. Aber wir haben auch schöne Momente erlebt in diesem Stadion.“

Als es wieder anfängt zu regnen, machen sich auf den Weg zurück zur Arena. Doch als sie am Eingang ankommen, ist Galina verschwunden. Die drei suchen sie auf dem kompletten Vereinsgelände.

 

Irgendwann kehren Katja und Elias verzweifelt und durchnässt zum Auto zurück. Da sitzt Galina unter einem großen blau-weißen Schirm und wartet auf die beiden.

„Babuschka!, ruft Katja, halb vorwurfsvoll, halb erleichtert. „Hier bist du! Wir haben uns Sorgen gemacht!“

„Ach Süße, du brauchst dir um mich keine Sorgen machen! Du weißt doch, mir geht’s immer gut“, sagt Galina tiefenentspannt.

 

13 HOME, SWEET HOME?!

Siri

Total erschöpft von dem heutigen Tag ließ ich mich auf mein Bett fallen. Der Regen prasselte so laut auf das schräge Dachfenster, dass ich langsam anfing daran zu zweifeln, dass das noch Regen war.

„Und jetzt?", Elias Stimme riss mich aus meinen Gedanken und warf mich wieder in die Realität. Ich richtete mich auf und schaute ihn fragend an.

„Wohin sollen wir morgen als erstes fahren, was meinst du?", fragte er.

Ich zuckte mit den Schultern. „Warum ist es dir überhaupt so wichtig zu wissen, an welchem von Tausenden möglichen Orten dein Opa zu Hause war? Er könnte jeden Ort gemeint haben. Du wirst es nicht mehr rausfinden. Du hättest ihn fragen sollen, als er noch am Leben war."

Ich wusste selbst nicht so recht, warum ich plötzlich so gemein zu Elias war. Vielleicht war ich einfach nur geschafft von diesem langen Tag. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass wir der Lösung des Problems keinen Schritt nähergekommen waren. Wir hatten lauter Orte besucht, die für Phillipos eine besondere Bedeutung gehabt hatten. Klar, aber hatte uns das weitergebracht? Immer noch hatten wir keinen Schimmer, an welchem dieser Orte er sich wirklich zu Hause gefühlt hatte. Es wurden eher mehr als weniger Orte, die in Frage kamen.

„Wieso fragst du mich dauernd, was du als nächstes tun sollst. Er war dein Opa!“ Ich schaute Elias durchdringend in die Augen, bis er seinen Blick senkte.

„Ach, komm schon, dir muss es doch auch wichtig sein, ansonsten würdest du mir doch nicht helfen, oder?" Seine Stimme war leise, dennoch fest, sein Blick immer noch starr auf den Boden gerichtet, während er sprach.

Ich schaute ihn wütend an, bis mir klar wurde, dass er mit seiner Frage irgendwie recht hatte. Warum half ich ihm? Er war doch eigentlich nur irgendein wahrscheinlich total irrer Junge, der mit der geklauten Urne seines Opas vor der Haustür meiner Babuschka gestanden hatte, damit wir ihn verstecken. Warum also half ich ihm? Ich kannte weder ihn richtig noch seinen Opa.

Tief in mir drin wusste ich, warum ich ihm half: Ich tat es für mich! Auch ich wollte wissen, wo mein eigenes Zuhause war. Ich erhoffte mir von dem Ganzen nicht nur, zu erfahren wo das Zuhause von Elias Großvater war. Ich wollte auch herausfinden, wo ich zu Hause war, was mich ausmachte. Natürlich wusste ich, dass es totaler Irrsinn war, zu glauben, dass ich es herausfinden würde, indem ich einem Dieb half ...  Vielleicht war ich deshalb so wütend. Weil diese ganze Suche mich einfach noch keinen Schritt weitergebracht hatte. Und ich mich immer noch genauso verloren fühlte, wie an dem Tag, als ich zu Babuschka auf den Dachboden gezogen war.

Doch auf keinen Fall wollte ich Elias gegenüber zugeben, was ich dachte. Und dass ich so bescheuert gewesen war zu glauben, dass diese Suche auch mich irgendwohin führen würde.

„Muss ich mich jetzt dafür rechtfertigen, dass ich dir helfe?!", fragte ich Elias kampflustig.

Elias lächelte nur. Du weißt doch genau, was ich meine, schien sein Lächeln zu sagen.

Ich stellte mich trotzig vor ihn hin: „Wenn du keine Hilfe brauchst, sag Bescheid. Nur ... ohne mich wärst du doch nicht einmal auf die Hälfte der ganzen Orte gekommen. Du würdest jetzt mit der geklauten Urne ängstlich unter irgendeiner Brücke hocken und keine Ahnung haben, was du tun sollst."

Nun verfinsterte sich auch seine Miene. Trotzdem sprach er noch ruhig: „Du hast recht, wahrscheinlich hätte ich nicht alles ohne dich geschafft. Aber doch eine Menge. Außerdem bin ich sehr dankbar für deine Hilfe. Und das weißt du auch.“

Ich rollte mit den Augen und sagte wütend: „Weißt du denn überhaupt, wo deine eigene Heimat ist? Findest du nicht, du solltest dich erst einmal darauf konzentrieren, ehe du das Zuhause deines verstorbenen Opas suchst?“

Innerlich fragte ich mich sofort, warum ich das gefragt hatte. Vielleicht war diese Frage gar nicht an ihn, sondern eher an mich gerichtet. Vielleicht hatte mein Unterbewusstsein sich frech eingemischt. Schließlich hatte ich selber keine Ahnung, wo ich zu Hause war. Vielleicht wird dieses ganze Heimatgefühl aber auch einfach überbewertet, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. 

Als hätte Elias die Gedanken erraten, die mir durch den Kopf gingen, streute er Salz in die Wunde: „Lustig, dass gerade du mir das sagst. Als ob du auch nur die leiseste Ahnung hast, was ein Zuhause ist. Ich meine, niemand wohnt ohne Grund auf einem dunklen Dachboden bei seiner Oma, statt bei seinen Eltern.“

Das versetzte mir einen Stich. Er hatte recht, schon wieder. Ich ließ mich zurück auf mein Bett fallen, spürte aber weiter Elias’ eindringlichen Blick auf mir. 

Krampfhaft versuchte ich, ihn nicht anzuschauen, weil ich fürchtete, er würde mir sonst in den Augen ablesen können, wie recht er hatte. „Ich weiß ganz genau, wo ich zu Hause bin“, sagte ich stattdessen etwas zu laut. 

Ein Schnauben entfuhr ihm. „Und wo?“, fragte er. 

Jetzt schaute ich ihn doch an und sah in seinen Augen einen Funken Neugier aufblitzen. Oder war es Spott?

„Das geht dich gar nichts an!“, wich ich ihm aus.

Nun war er an der Reihe mit dem Augenrollen. „Stimmt“, meinte er. „Das geht mich wirklich nichts an. Hauptsache du weißt, wo deine Heimat ist. Aber das bezweifle ich, ehrlich gesagt ...“

Ich stand wieder auf. Es nervte mich wie er sprach, so als ob er über alles Bescheid wüsste. „Ich weiß ganz genau, wo meine Heimat ist“, setzte ich ihm deshalb entgegen, „das kannst du mich gerne auch ein drittes Mal fragen, wenn es dich so interessiert. Tu nicht so als ob du über mich Bescheid wüsstest!“

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Was bitte war so lustig an dem, was ich gesagt hatte? „Aber du weißt über mich Bescheid, ja?“, fragte er eher neugierig als aufgebracht.

Ich verschränkte die Arme, um meinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen. „Na ja, ich weiß zum Beispiel, dass du in deiner Freizeit gerne Urnen klaust und dann irgendeinen Ort suchst, wo du die Asche verschütten kannst. Mehr brauch ich nicht zu wissen!“

Auch er verschränkte nun die Arme: „Das war mein erster Urnendiebstahl.“

War das jetzt sein Ernst?! Ich wartete ab, ob er noch etwas sagte, doch tatsächlich meinte er das Ernst.

„Ein Urnendiebstahl reicht doch wohl auch, oder nicht?“, stieß ich hervor. Ich schaute ihm direkt in die Augen, während ich fortfuhr: „Weißt du eigentlich, wie gut du es hast? Du hast Eltern, die dich lieben und schätzen, und auch wenn sie jetzt tot sind, hattest du Großeltern, mit denen du viel Zeit verbracht hast. Dann sind deine Eltern einmal nicht deiner Meinung und das einzige, was dir dazu einfällt, ist, die Urne deines toten Großvaters zu klauen, dabei hat der das vielleicht einfach nur mal so dahingesagt, dass seine Asche zu Hause verstreut werden soll, ohne sich allzu viel dabei zu denken!“

Er wich meinem Blick nicht aus. Starrte genauso eindringlich und wütend zurück, während er entgegnete: „Ich bin alles anderes als perfekt, Katja. Nicht so wie du. Wobei du selbst anscheinend die einzige bist, die gar nicht kapiert, was sie alles kann. Du denkst, du kannst nichts. Auch, wenn du es nicht zugeben würdest, aber jeder, der dich länger als vier Stunden kennt, muss einfach wissen, dass du nichts von dir hältst. Also wer steht jetzt seinem eigenen Glück im Weg?“

War ja klar, dass er schnell von sich selber ablenken wollte. Doch leider war das eine verdammt gute Taktik. Vor allem, weil er schon wieder recht hatte. Tatsächlich hielt ich keine großen Stücke auf mich selbst. Wie oft konnte er eigentlich innerhalb von zehn Minuten recht haben, fragte ich mich. Trotzdem hatte er keine Ahnung von mir, deshalb widersprach ich: „Du denkst, mein Leben sei perfekt? Ja, wenn man ein Leben mag, in dem man immer mit seiner ach so perfekten Cousine verglichen wird, die ja immer alles besser kann und alles besser macht. Ein Leben, in dem man von klein auf immer nur das Gefühl hat, die eigenen Eltern zu enttäuschen, egal, wie sehr man sich anstrengt. Ja, so betrachtet habe ich ein perfektes Leben!“

Ich hatte gar nicht bemerkt, wie ich mitten beim Reden angefangen hatte, im Raum herumzulaufen. Elias folgte jedem meiner Schritte. Mittlerweile schaute er mich allerdings nicht mehr wütend, sondern eher mitfühlend an.

„Hör auf, mich so anzugucken!“, zischte ich. „Eigentlich geht dich das hier alles gar nichts an.“

Wieder an meinem Bett angekommen, ließ ich mich fallen. In der Hoffnung, dass er jetzt nichts mehr sagen würde, schloss ich kurz die Augen, um meine Gedanken wieder zu sortieren.

„Ich hol mir was zu trinken“, murmelte Elias.

Als er fast aus der Tür war, rief ich: „Elias?“

Hoffnungsvoll schaute er mich an: „Ja?“

„Kannst du mir was zu trinken mitbringen?“

Er nickte.

„Und, Elias?“, sagte ich, als er sich gerade wieder zum Gehen wenden wollte: „Um auf deine Frage von vorhin zurückzukommen: Wie wäre es, wenn wir morgen einen kleinen Abstecher zu der Zeche machen, auf der dein Opa gearbeitet hat, bevor er bei Rütgers anfing?“

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Elias lächelnd zur Tür ging. Auch ich lächelte. Aber noch bevor Elias wiederkam, war ich eingeschlafen.

 

14 HEIMATLOS

John Volker Kim

„So, WLT, Westfälisches Landestheater, war nie drin, oder vielleicht mal als Kind, glaub ich“, sagte Katja, als sie auf dem Parkplatz des Theaters hielten. Elias hatte am Morgen spontan beschlossen, erst noch an diesem Theater vorbeizuschauen, in dem sein Opa oft gewesen war.

Das Dach des Gebäudes glich einer Skateboardrampe, bei der man eine Hälfte vergessen hatte. Den Architekten würde ich gerne sehen, dachte sich Katja, ist doch wieder unfair: Wenn der einfach keinen Bock mehr hat, die andere Hälfte zu konstruieren, wird daraus ein Theater. Wenn ich die Hälfte eines Aufsatzes nicht schreibe, weil ich keinen Bock mehr hab, krieg ich ne Sechs. Toll.

Vor dem Eingang des Theaters herrschte reges Treiben. Ein großer Bus und einige Container standen auf dem Platz und Leute rannten ins Theater, nur um mit Kostümen, Requisiten etc. wieder herauszukommen und dann wieder ins Gebäude zurückzugehen.

„Echt, du kennst das gar nicht? Opa hat mich oft mitgenommen“, meinte Elias und beobachtete interessiert die Leute bei ihrer hektischen Arbeit.

„Was ist denn da los?“, fragte Katja sich laut und sah Elias an, als hätte er die Antwort, doch er zuckte nur die Schultern und stapfte los.

„Du gehst doch jetzt nicht fragen, oder?“

„Doch, klar“, sagte er grinsend und Katja ging ihm leicht genervt hinterher. Du kommst dir wohl unglaublich cool vor, was?, dachte sie. Was genau wollte er hier überhaupt? Sein Opa war sehr oft hier gewesen, na und? Das bedeutete doch noch lange nichts.

„Entschuldigung“, sagte Elias und zog so die Aufmerksamkeit eines großen, schlanken Mannes auf sich, der um die dreißig zu sein schien.

Der Typ sah irgendwie cool aus, dachte Katja. Er trug eine schwarze Mütze und schwarze Klamotten, hatte schwarze, recht große Plugs in den Ohren und ein Tattoo, das über den ganzen Arm ging. Anscheinend machte er gerade Pause.

„Ja? Was gibt’s?“, er drehte sich zu Elias um und lächelte ihn freundlich, wenn auch etwas gestresst an.

Elias bekam kein Wort raus. Dabei war er eben noch so cool gewesen, dachte Katja schnippisch. 

„Hi, wir sind Katja und Elias“, sagte Katja. „Wir haben uns gerade gefragt, was hier los ist. Zieht das WLT um?“

„Hallo, Katja und Elias! Ich bin Michael, Techniker.“ Der Mann lachte kurz über die Situation und kratzte sich am Nacken. „Wir packen ein. Wir gehen auf Abstecher, sprich wir fahren in ein anderes Theater und führen dort ein Gastspiel auf und dafür muss der ganze Mist eingepackt werden.“
 

„Ihr spielt also überall? Habt ihr denn kein eigenes Theater?“, fragte Katja weiter, während Elias nur auf den Boden starrte und einen kleinen Stein mit dem Fuß hin- und herbewegte.

„Manchmal fühlen wir uns schon ein bisschen wie Heimatlose, was?“, sagte Michael laut und wandte sich an seine Kollegen, die ihm lachend zustimmten. „Na ja, aber ganz so ist es dann doch nicht. Das WLT ist unsere Heimat. Hier werden die Stücke ja auch aufgeführt. Aber sie werden eben auch von anderen Theatern gebucht. Und deshalb vagabundieren wir dann eben viel umher. – So, Katja und Elias, wir müssen weiter machen. Wäre super, wenn ihr beide vielleicht ein wenig abseits stehen könntet. Manche von uns sind echt im Stress, weil wir schon längst fertig sein sollten, aber das Wetter einfach nicht mitspielt. Sonst rennen die euch noch über den Haufen.“ Michael reichte den beiden noch kurz die Hand und machte sich dann wieder an die Arbeit.

Elias und Katja entfernten sich ein Stück und setzten sich am Rathaus auf die Treppen. Dass die Stufen noch etwas feucht waren, interessierte die beiden kaum. Katja ließ sich seufzend auf die Steine fallen und streckte sich. Die Sonne kam gerade durch die Wolken und den kurzen Moment der Wärme wollte Katja nutzen.

„Weißt du“, sagte sie, „wenn du was fragen willst, dann solltest du auch den Mund aufmachen.“ Katja grinste schief, während Elias weiter schwieg. Langsam wurde ihr mulmig. „Ist was?“, fragte sie.

„Ich kannte den Typen. Na ja, nicht wirklich“, murmelte Elias vor sich hin.

Katja hatte Schwierigkeiten, ihn zu verstehen. „Ja, was denn jetzt? Was ist mit ihm?“, hakte sie nach und machte keinen Hehl daraus, das sie etwas genervt über Elias' Rumdrucksen war. Der Streit von gestern steckte ihr noch in den Knochen und sie merkte, dass sie noch immer etwas gereizt war. Vielleicht war sie ja ein bisschen ungerecht zu Elias?

„Ich war letzte Woche im WLT. Mit Opa. Hab diesen Michael da auch vor dem Eingang gesehen, mit ein paar anderen Leuten. Ist mir irgendwie im Kopf geblieben. Den erkennt man halt. Und jetzt musste ich daran denken, dass ich letzte Woche ... Ich hätte nie gedacht, dass es das letzte Mal wäre, dass ich mit Opa ... Sorry, war eben einfach ein wenig weg“, antwortete Elias stockend, fuhr sich durch die dunklen Haare und verzog das Gesicht zu einem gequälten Lächeln.

Katja wusste, dass seine Gedanken noch immer bei seinem Großvater waren. Es juckte sie in den Fingern, das Thema zu wechseln, doch ihr fiel nichts ein, außer dieser Theatertruppe.

„Oh, ähm, das wusste ich ja nicht“, stammelte sie und fasste sich dann mit einer mentalen Ohrfeige. Reiß dich zusammen, Mädchen! „Jedenfalls, irgendwie krass, dass die so viel rumfahren, mal hier mal da auftreten, oder nicht?. Die ganzen Kulissen, Kostüme und Requisiten und alles ständig auf- und abbauen und in Containern verstauen ... Ich meine, wohnen die dann in Hotels, oder wie? Lohnt es sich da überhaupt, eine eigene Wohnung zu haben. Stell dir mal vor, du bist dauernd in einer anderen Stadt.“

„Mhm“, machte Elias nur und schaute weiter gedankenverloren auf das Theater.

Katja seufzte. Dann solle er halt Trübsal blasen. War ja nicht ihre Sache.

„Was wolltest du hier eigentlich? Gibt es da noch mehr Verbindungen als die, dass dein Opa hier oft mit dir ins Theater gegangen ist?“, fragte sie und sah Elias ruhig an.

Er nickte. „Sechsundsiebzig ist das Theater umgezogen. Von der Feuerwache hierher. Opa hat damals schon nicht mehr unter Tage gearbeitet. Das Bergwerk Ickern wurde zu dieser Zeit geschlossen, und er hat dort nur noch Aufräumarbeiten erledigt. Um sich ein bisschen was dazu zu verdienen, hat er beim Umzug des Theaters geholfen. Auch weil das zweite Kind unterwegs war. Mein Onkel. Deswegen ist er auch später so gerne hierher gekommen. Vorher hatte er kaum Bezug zum Theater gehabt, hat er mir erzählt. Aber dann hat er sich regelrecht verliebt und mich mitgezogen. Nach den Aufführungen haben wir immer noch zusammen was gegessen, Eis, Pommes oder so, und über die Stücke und die Schauspieler geredet“, erzählte Elias und ein Lächeln umspielte seine Lippen als er zurückdachte.

Katja lächelte ebenfalls. So gefiel ihr Elias gleich viel besser. 

„Na, dann musst du mich wohl auch mal mitnehmen“, sagte sie.

Elias sah sie verwundert an.

„Ja, komm, eine Urne klauen und durch die Gegend fahren, um zu gucken, wo wir die Asche verteilen, das schweißt doch wohl zusammen“, sagte Katja und boxte ihm lachend gegen die Schulter. „Jetzt guck mich nicht so blöd an, ist doch so!“

„Na, dann machen wir das“, sagte Elias. „Wie wär’s, wenn wir jetzt irgendwo was zu Essen holen und dann weiterfahren würden?“

„Zur Zeche Ickern?“, fragte Katja.

Elias nickte. „Die Agora war ihm ja bis zuletzt wichtig.“

„Agora?“, fragte Katja, als die beiden aufstanden und sich die Hosen sauber klopften. „Ich denke, wir wollen zur Zeche.“

„Klar“, sagte Elias. „Wollen wir auch. Aber die Räumlichkeiten des Kulturzentrums Agora gehörten früher zur Zeche. Das musst du doch wissen. Du wohnst doch ganz in der Nähe!“ Elias grinste und sah noch einmal zu Michael und den anderen Technikern. Sie verschlossen die Container. Die Schauspieler stiegen in den Bus. Alles war bereit zur Abfahrt.

„Dass ich in Castrop wohne, heißt doch noch lange nicht, dass ich die ganze Stadtgeschichte auswendig kennen muss!“, zischte Katja und stapfte einfach los. Diese Stadt überraschte sie immer wieder. Ein Lehrlingsheim wurde zum Knast umfunktioniert, eine Zeche zum Kulturzentrum. Wer weiß, wofür in fünfzig Jahren das Theater genutzt werden würde. Vielleicht als Skateboardrampe.

 

15 DIE WELT LOSLASSEN

Siri

Wir betreten das Grundstück des Kulturzentrums durch das schmiedeeiserne Tor. Ich muss an Babuschkas erstes Date mit Phillipos denken und wie glücklich sie war, als ich sie nach dem Fest hier wieder abholte. Mit leuchtenden Augen und vom Tanzen aufgelöster Frisur.

Mein Blick wandert zu den steinernen Stufen, von denen ich inzwischen weiß, dass sie wirklich eine Art Amphitheater darstellen. Elias hat mir auf dem Weg hierher einiges über das Zentrum erzählt. Dass griechische Einwanderer, darunter auch Phillipos, in den 80er-Jahren die Griechische Gemeinde Castrop-Rauxels gegründet und dann später die ehemaligen Gebäude der Zeche Ickern bezogen haben. Sie haben hier alles aus eigener Kraft aufgebaut und renoviert.

Ich betrachte die begrünte Halde, in die das Amphitheater eingebettet ist, und versuche mir vorzustellen, wie das hier wohl ausgesehen hat, als das Gelände noch ein Bergwerk war.

Elias bleibt unschlüssig stehen.

„Ich denke, wir sollten vielleicht einfach mit jemandem von den Freunden deines Großvaters sprechen, die ihn hier oft getroffen haben“, sage ich. 

Elias nickt zustimmend.

Der Regen bildet große Pfützen, die jedoch immer wieder vom nächsten starken Windstoß verweht werden.

„Sie spielen immer Karten, unten im Café“, erklärt Elias.

Doch noch ehe wir das Gebäude betreten können, hören wir, wie jemand aus Richtung des Amphitheaters Elias’ Namen ruft.

Wir drehen uns um und sehen einen Mann auf uns zukommen.

„Dass du dich noch traust, dich hier blicken zu lassen!“, ruft er. 

Elias gibt keinen Ton von sich. Er starrt nur auf den Boden.

„Was geht bloß in dir vor? Wie konntest du Phillipos’ Asche stehlen!“, fährt der Mann wütend fort.

Nun strafft Elias doch die Schultern, blickt den Mann an und tritt einen Schritt vor: „Opa wollte nicht in einer Urne verstauben. Er hat mir gesagt, dass seine Asche da verstreut werden soll, wo er zu Hause war. Mama und Papa wollen davon aber nichts hören. Da hatte ich keine andere Wahl ...“

Der Mann setzt ein grüblerisches Gesicht auf. „Und wo habt ihr die Asche verstreut?“, fragt er schließlich zögernd, aber ich höre noch Wut in seiner Stimme.

Elias zuckt mit den Schultern. „Um das herauszufinden, sind wir ja hier. Kann es nicht sein, dass er die Agora mit seinem Zuhause gemeint hat?“ 

Der Blick des Mannes wandert zur Halde mit den vielen Birken, die sich im Wind hin und her biegen. „Na kommt, ich zeig euch was!“ Er steigt die Treppe des Amphitheaters hoch bis auf die Halde, und wir laufen hinterher. Eine Weile folgen wir ihm schweigend auf einem schmalen Weg, der über die Halde führt. Der Wind kommt von allen Seiten und versucht immer und immer wieder, uns vom Berg zu schieben. 

Plötzlich bleibt der Mann stehen. Erst jetzt schaue ich mich um. Wir stehen auf einem hervorgehobenen Teil der Halde und blicken auf ein großes, graues Gebäude.

„Er war oft hier“, erklärt der Mann. „Er kam gerne hierher, um einfach mal die Welt loszulassen.“ 

Elias stellt sich an den Rand der Halde und schaut hinunter. „Um die Welt loszulassen?“, fragt er traurig.

Ich verstehe nicht, was er daran nicht versteht.

Deshalb stelle ich mich ebenfalls an den Rand. Von hier geht es relativ steil runter auf einen zweiten Weg entlang der Halde. Alles ist voller Kieselsteine. Hinter dem zweiten Weg geht es noch einmal einige Meter abwärts, an dieser Stelle ist der Abhang aber weniger steil. Dafür ist er von Bäumen und Büschen gesäumt. Von hier oben habe ich tatsächlich das Gefühl, mit Abstand auf die Welt zu schauen.

„Ich weiß auch nicht“, sagt er Mann. „Eigentlich hatte Phillipos ja keinen Stress. Aber das war seine Antwort, als ich ihn auf diesen Ort hier oben ansprach.“

Immer noch wundere ich mich, warum die beiden nicht verstehen, dass jemand mal Ruhe von der Welt braucht. 

„Meinst du, das wäre ein passender Ort, Elias? Ich meine, dann kann er sozusagen ein letztes Mal die Welt loslassen.“ Ich drehe mich fragend zu Elias und dem Mann, dessen Namen ich, immer noch nicht kenne, um. 

„Das wäre eigentlich aeine gute Idee. Wobei die anderen Orte ja auch nicht ohne Bedeutung sind ...“, entgegnet Elias unsicher.

Nachdenklich zucke ich mit den Schultern. „Das können wir ja hinterher noch entscheiden.“ Zwar weiß ich nicht genau, wann hinterher eigentlich sein soll, aber es ist definitiv nicht jetzt.

„Ich denke schon, dass das hier ein Zuhause für ihn war, aber ob es das Zuhause war ...“, sagt der Mann nachdenklich.

Ohne es zu wirklich zu bemerken, hänge ich gedanklich diesem Satz nach. Warum ist es bloß so schwierig, das Zuhause eines Menschen auszumachen?

„Normalerweise war Phillipos hier am liebsten allein. Aber einmal nahm er mich mit hierher“, erzählt der Mann. „An Pfingsten im letzten Jahr. Es war noch stürmischer als heute. Er hatte gesagt, er wolle mir was zeigen und führte mich her. Als der Pfingststurm losging, waren wir hier, genau hier. Was meint ihr, was wir für eine Angst hatten. Aber wir hatten keine andere Wahl, als den Sturm abzuwarten. Denn wenn wir den Weg zurückgegangen wären, hätte uns vielleicht ein Baum erwischt. Also harrten wir hier oben bis zum Ende des Sturms aus. Wir erzählten uns viel, über unsere Kindheit, über unsere Familien.“ Der Mann trat einen Schritt näher zu Elias und legte ihm seine Hand auf den Arm: „Dein Großvater hatte ein sehr schönes Leben. Selbst nach Daphnes Tod hat er sich nie wirklich alleine gefühlt. Besonders auch dank dir!“

Elias schaut kurz auf den Boden, dann blickt er wieder auf und lächelt. „Wollen wir jetzt ins Café gehen?“, fragt er verlegen.

Auch der Mann lächelt kurz. Dann wird sein Blick wieder ernst: „Dass ich dich verstehe, heißt allerdings noch nicht, dass die anderen dich auch verstehen. Sie sind ziemlich sauer. Ich werde eine gutes Wort bei ihnen für dich einlegen, aber schon heute dort aufzukreuzen ist sicher keine gute Idee.“

Das Lächeln verschwindet von Elias’ Gesicht.

„Ich könnte doch ins Café gehen und versuchen herauszufinden, ob er die Agora mit seinem Zuhause meinte“, schlage ich vor, um Elias aufzumuntern.

Er nickt. „Dann warte ich wohl besser am Auto.“

Schweigend gehen wir zurück über die Halde.

Es ist alles so ungerecht, finde ich. Elias will doch nur den letzten Wunsch seines Großvaters erfüllen. Und nun sind alle wütend auf ihn. Die Freunde des Großvaters und Elias’ Familie. Warum wollen seine Eltern nicht akzeptieren, dass sein Großvater nicht in irgendeiner Urne verstauben will? Warum ist Elias gezwungen, die Urne zu klauen, damit sein Opa bekommen kann, was er wollte? Vielleicht glaubt seine Familie, es besser zu wissen? Eltern ... die meinen immer am besten zu wissen, was gut für einen ist. Das kenne ich ja nur zu gut ...

Wir laufen die Treppen des Amphitheaters herunter. Unten angekommen bleiben wir kurz stehen. Der Mann verabschiedet sich von uns und verspricht Elias noch einmal, ein gutes Wort für ihn einzulegen.

„Wer war das eigentlich?“, frage ich Elias, als der Mann außer Hörweite ist.

„Alexandros. Er hat damals genau wie Opa dabei geholfen, die Griechische Gemeinde hier in Castrop-Rauxel zu gründen. Und dafür gesorgt, dass die griechischen Einwanderer hier einen Ort haben, an dem sie sich treffen können. Feiertage begehen, beisammensitzen und Karten spielen ...“

Elias schweigt wieder.

„Ich beeile mich“, verspreche ich Elias, bevor er zum Auto zurückgeht.

Dann steuere ich zielsicher auf das Café zu. Ich drücke die Tür auf und stehe in einem großen Raum mit vielen Tischen. An allen Tischen sitzen Männer und Frauen, Getränke auf dem Tisch vor sich oder Karten in der Hand.

Schnell setze ich mich an den nächstgelegenen Tisch zu vier Frauen, die gerade wahrscheinlich ein nettes Gespräch geführt haben. Bis ich mich so dreist einfach dazugesetzt habe. 

„Hallo“, sage ich lächelnd, um wenigstens auf den zweiten Blick nicht ganz bescheuert rüberzukommen.

„Hallo“, antworten die vier zaghaft und offenbar immer noch irritiert.

„Ich bin Katja“, rede ich einfach weiter, ehe mich der Mut verlassen kann.

Noch immer zögerlich stellt sich eine der vier, eine etwas rundliche Frau, vor: „Ich bin Kassandra.“ Mit schräg gelegtem Kopf sieht sie mich an.

„Sind sie öfter hier?“, frage ich sofort. 

Die Frauen tauschen irritierte Blicke aus, nicken aber.

„Darf man fragen, was Sie hierherzieht?“, hake ich weiter nach. Schließlich will ich wissen, warum Phillipos dieser Ort wichtig war. Und ob er so wichtig gewesen sein könnte, dass Phillipos die Agora gemeint hat, als er von „Zuhause“ sprach.

„Na ja, um Freunde aus der Griechischen Gemeinde zu treffen und mit ihnen zu reden, um einfach Zeit miteinander zu verbringen“, erklärt Kassandra.

Ich schaue in die Runde. Vielleicht ist jetzt ein guter Moment, um auf Phillipos zu sprechen zu kommen, denke ich. „Dann kannten Sie sicher auch Phillipos?“, frage ich schließlich.

Alle vier Augenpaare weiten sich. Kassandra räuspert sich. „Ja“, sagt sie traurig. Dann bleibt es still am Tisch. Vielleicht war es doch kein guter Moment. Sie werden mir ganz sicher nichts von Phillipos erzählen, wird mir jetzt klar. Schließlich bin ich nur ein wildfremdes Mädchen, das sich einfach ganz dreist zu ihnen gesetzt hat. 

Aber ich kann doch nicht unverrichteter Dinge zu Elias zurückkehren ... „Ich bin seine Enkelin“, lüge ich deshalb schnell, „und ... na ja, nun wollte ich ein bisschen mehr über meinen Opa erfahren.“

„Ich dachte, Phillipos hatte nur einen Enkel“, sagt Kassandra zweifelnd.

Mist! Warum habe ich nicht darüber nachgedacht, dass Phillipos hier natürlich auch von seiner Familie erzählt hat?! Elias ist hier kein Unbekannter, er hat sogar bei Festen ausgeholfen, daran hätte ich Idiotin doch denken können!

„Ähm, genau genommen bin ich auch nicht direkt seine Enkelin sondern ...“, ich überlege fieberhaft. „... sondern seine Großnichte, also die Tochter seiner Cousine ... Deshalb kannte ich ihn auch kaum.“ Ich war noch nie gut im Lügen und hoffe einfach, dass sie mir diese Erklärung abkaufen.

Wieder tauschen die vier zweifelnde Blicke aus. Schließlich zuckt Kassandra mit den Schultern und berichtet: „Phillipos war ein toller Mensch. Er kam fast jeden Tag hierher, unterhielt sich mit uns, spielte mit den anderen Karten oder kam einfach nur um etwas zu trinken. Wir waren gut mit ihm befreundet. Es ist so traurig, was passiert ist. Und dann so plötzlich ...“

Eine Träne kullert ihre Wange runter, bevor Kassandra sie grob wegwischt. „Es tut mir leid für dich, Mädchen. Auch dass du ihn gar nicht richtig kennenlernen konntest.“ Sie streichelt mir über den Arm.

„Meine Mutter hat erzählt, dass er mitgeholfen hat, dieses Kulturzentrum hier überhaupt aufzubauen“, sage ich.

„Oh ja“, Kassandra lächelt. „Er hat immer glücklich von seiner Arbeit auf der Zeche erzählt. Eine harte Arbeit, hat er gesagt. Aber eine ehrliche Arbeit. Und so viel Zusammenhalt zwischen den Bergmännern. Als die Zeche Ickern schloss, war er sehr traurig. Hat noch bei den Aufräumarbeiten mitgemacht.“

Jetzt erzählt auch eine der anderen Frauen: „Aber den neuen Job hat er auch gern gemacht. Und als sich dann die Möglichkeit ergab, mit der Griechischen Gemeinde ausgerechnet in die alten Räumlichkeiten der Zeche zu ziehen, war er natürlich sofort dabei.“

„Hat immer gleich mit angepackt, egal, wo jemand Hilfe brauchte“, bestätigt ihre Sitznachbarin. „So war er, der Phillipos.“

„Der Austausch mit der Gemeinde war ihm wichtig“, sagt Kassandra jetzt. „Ist zwar schon als Kind nach Deutschland gekommen, hat aber nie vergessen, wo seine Wurzeln waren.“

Ich rede noch eine ganze Weile mit ihnen. Nicht nur über Phillipos, sondern auch generell über die Agora, über die Feste und die anderen Aktivitäten hier.

Beim Blick auf die Uhr erschrecke ich. Ich habe Elias doch eigentlich versprochen mich zu beeilen. Na super, der wird sich freuen!

Ich verabschiede mich schnell von den Frauen, versichere ihnen, dass ich wiederkommen werde und verlasse lächelnd das Café.

Am Auto angekommen sehe ich Elias seine schlechte Laune gleich an der Nasenspitze an. „Ich beeile mich, ja, klar“, sagt er sarkastisch.

„Geht’s noch? Ich mach das hier alles nur für dich und deinen Opa, hast du das vergessen?“, sage ich. Dabei weiß ich doch, dass ich umgekehrt genauso genervt wäre, wenn ich an Elias’ Stelle wäre. Aber das würde ich ihm gegenüber natürlich nie zugeben.

Elias schaut stur geradeaus durch die Windschutzscheibe. Der Sturm und der Regen haben nachgelassen.

„Wie wär’s, wenn wir noch mal ein bisschen an der Emscher spazieren gehen, die Brücke muss hier doch ganz in der Nähe sein. Und ich erzähle dir, was ich in der Agora über deinen Opa gehört habe“, schlage ich vor.

 

16 ALTE FREUNDE

Selen

Elias lief mit gesenktem Kopf neben mir her. Ich spürte seine Anspannung.

Auf unserem Spaziergang entlang der Emscher hatte ich ihm berichtet, was Kassandra und die anderen Frauen über Phillipos erzählt hatten.

Bei meinem Bericht darüber, dass Phillipos nie seine Wurzeln vergessen hatte, hellte sich Elias’ Gesicht schlagartig auf. „Dass ich nicht von selbst drauf gekommen bin“, sagte er. „Wir müssen zum Olymp.“

Zweifelnd hatte ich ihn angeschaut.

„Ein griechisches Restaurant“, hatte Elias erklärend hinzugefügt. „Opa ist da früher oft mit mir essen gegangen! Er hatte dort viele Freunde. Vielleicht … na ja, möglicherweise weiß der Besitzer mehr.“

Und nun waren wir also unterwegs zum „Olymp“. Wir liefen gerade eine längere Straße entlang. Nur eine Handvoll Menschen war unterwegs. Es wehte ein leichter, warmer Wind. Aus manchen Geschäften hörte man Gelächter. Erneut fiel mein Blick auf Elias. Seine Züge waren hart und sein Gesicht unnatürlich blass. Es gefiel mir nicht, ihn so zu sehen. Aber wieso ging mir das so nahe? 

Ich fühlte den Impuls in mir, seine Hand zu ergreifen und mitfühlend zu drücken. Katja Dimitri, sagte ich streng zu mir selbst, zügle dich!

Mit einem Ruck blieb Elias stehen und sah mich an.

„Alles okay? Was ist?“, fragte ich mit harter Stimme.

Sein Blick fiel auf das kleine Lokal auf der anderen Straßenseite. Olymp stand in großen eckigen Buchstaben über der Tür. Rechts und links vom Eingang wehten zwei griechische Flaggen.

„Das war eine bescheuerte Idee, Katja. Wenn ich mich schon in der Agora nicht blicken lassen kann, werden mich die Menschen hier genauso verabscheuen für das, was ich getan habe. Ich darf nicht riskieren, dass sie mich sehen.“ Seine Stimme brach. Er schüttelte den Kopf, straffte die Schultern und lief mit schnellem Schritt voran. 

Reflexartig lief ich ihm nach. Ich musste fast joggen, um ihn einzuholen. „Elias! Warte! Bitte, warte!“ Meine Stimme klang wie die eines Kindes. Hilflos und bettelnd.

Er blieb stehen und musterte mich mit gerunzelter Stirn. „Wieso?“, fragte er.

Seine hellbraunen Augen sahen im schwachen Schein der Sonne golden aus. Für einen kurzen Augenblick war ich sprachlos. Als ich mich wieder gefangen hatte, bemerkte ich, dass ich tatsächlich die Luft angehalten hatte. Ich versuchte, mich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren: „Elias, denk doch mal nach. Was, wenn du recht hast? Vielleicht können die Leute in diesem Restaurant uns helfen herauszufinden, was dein Opa gemeint hat, als er sagte, er will, dass seine Asche zu Hause verstreut wird. Ich meine, es kann doch sein, dass sie mehr darüber wissen.“

„Ja, bestimmt. Aber ich kann da nicht einfach so rein. Was, wenn jemand von meiner Familie dort ist? Es ist zu riskant. Das Risiko kann ich nicht eingehen, Katja.“ Seine Stimme klang traurig. Nur als er meinen Namen aussprach, klang etwas anderes mit. Bildete ich mir das nur ein, oder sprach er meinen Namen fast zärtlich aus? Ich war verwirrt. Konzentrier dich, Katja Dimitri, ermahnte ich mich noch einmal selbst.

Ich dachte nach. Wo war der Denkfehler in dem, was Elias sagte? Er hatte ja recht. Das Risiko war groß. Für ihn! Genau! Für ihn ... aber nicht für mich! Ohne auch nur eine Sekunde weiter darüber nachzudenken, platzte es aus mir heraus: „Ich gehe!“

Seine Augen weiteten sich. Seine Lippen öffneten sich ein Stück. Ein Strahlen funkelte in seinen Augen. Und aus einem mir unerfindlichen Grund gefiel es mir sehr, ihn so zu sehen.

„Das würdest du tun? Katja … das … du … wirklich?“, er verschluckte vor lauter Überraschung und Freude die Wörter.

Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. „Ja! Mich kennt in dem Restaurant niemand. Und selbst wenn, keiner würde vermuten, dass ich deinetwegen komme. Was haben schon Russen mit Griechen zu tun, oder?“, scherzte ich.

Er ergriff meine Hände und zog mich an sich. „Danke“, flüsterte er mir ins Ohr und umarmte mich kurz. Mein Herzschlag beschleunigte sich.

„Kein Ding“, versuchte ich möglichst gelassen zu sagen.

„Im Kulturzentrum Agora hab ich mich allerdings etwas ungeschickt angestellt bei meinen Nachfragen“, gab ich zu. „Sag mir also am besten, was ich fragen soll und worauf ich achten sollte.“

Er grinste mich an. In diesem Moment fand ich ihn so unglaublich attraktiv ...

„Am besten, du benimmst dich unauffällig“, schlug er vor. „Möglicherweise reden ja gerade welche über Opa. Immerhin war er echt bekannt unter den Griechen in Castrop-Rauxel und sein ... sein Tod ist noch nicht lange her. Belausch einfach ein paar Gespräche, frag falls nötig. Aber ganz wichtig: Sei nett und offen!“

Immer noch gefangen von seinem Lächeln runzelte ich die Stirn. „Bin ich das nicht immer?“, fragte ich mindestens eine Oktave zu hoch.

Er lächelte mich verlegen an. „Du bist eigentlich eher der distanzierte Typ. Die meisten Griechen sind so eine Reserviertheit nicht gewohnt. Wir sind Freunde von netten und lustigen Menschen. Ich meine, du bist nett ... manchmal. Aber sie kennen dich ja nicht so, wie ich dich nun kenne. Sie wissen nicht, wie toll du eigentlich bist“, erklärte er mit leiser, schüchterner Stimme. 

Ich wurde rot. Ich war es nicht gewohnt, Komplimente zu bekommen, auch wenn das hier ein eher ... indirektes Kompliment war.

Ich hielt seinen Blick nicht länger aus. Daher nickte ich und ging auf das Restaurant zu. Es sah ziemlich alt aus. Ich hielt einen Moment inne und blickte mich zu Elias um. Er war nicht mehr da. Scheiße, wo war er hin? War er abgehauen? Meine Nervosität verstärkte sich, doch ich ging weiter. 

Als ich die dunkle Eingangstür aufschob, umhüllte mich sofort die köstliche Wärme des Restaurants. Ein Meer aus Stimmen erreichte meine Ohren. Ein Gewirr aus Deutsch und Griechisch. Ein schwacher Duft nach Gyros schlug mir entgegen. Mein Magen meldete sich mit lautem Knurren zu Wort.

Das Lokal war typisch griechisch eingerichtet. Überall Skulpturen und Säulen mit Verzierungen. Auf der linken Seite befand sich eine Bar, in Dunkelbrauntönen gehalten und eigentlich wenig eindrucksvoll. Dennoch zog sie meinen Blick auf sich, da hinter der Theke zahlreiche Fotos hingen. Es waren bestimmt Hunderte.

Einige Menschen, die hier saßen und aßen, nickten mir freundlich zu. Ich erwiderte ihr Nicken, war aber vollkommen hypnotisiert von den vielen lebhaften Fotos.

Ich setzte mich auf einen der Barhocker und betrachtete die Bilder. Zwei Gesichter fielen mir auf, weil sie auf besonders vielen Fotos zu sehen waren. Oft als ältere Männer, aber ich meinte, sie auch als Kinder und Jugendliche auf einigen der älteren Bilder zu erkennen. Bei einem der beiden Männer handelte sich um Phillipos. Auf allen Bildern sah er glücklich aus. Ich spürte einen Kloß im Hals. Ich musste Tränen unterdrücken. 

Verdammt, was ist los mit mir?, dachte ich. Ich hatte ihn doch noch nicht einmal persönlich kennengelernt! Wieso berührte mich der Anblick dieses Fremden so sehr?

Mir fielen die schwarzen, mit goldenen Kreuzen verzierten Bänder auf, die an den Bildern befestigt waren, auf denen Phillipos allein abgebildet war. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Dieser Mann sah auf jedem Bild so lebensfroh aus, und da war er nun, eingeäschert, in einer Urne auf dem Dachboden meiner Babuschka. Tränen liefen mir über die Wangen.

Ein älteres Bild fiel mir auf. Phillipos mit dem anderen Mann. Sie hatten je einen Arm um den anderen gelegt und grinsten in die Kamera. Beim näheren Betrachten fiel mir der Hintergrund auf. Es war das Westfälische Landestheater. Offenbar war das Foto beim Eröffnungsfest aufgenommen worden. Das musste also in den 70er-Jahren gewesen sein, nach dem Umzug des WLT. Ich überschlug kurz: Damals war Phillipos noch keine dreißig Jahre alt. Ich sah mir sein Gesicht genauer an. Die Ähnlichkeit mit Elias war auf diesem Foto sehr groß. Beide hatten dieselben Gesichtszüge, selbst ihre Grübchen waren an den gleichen Stellen. Ich musste lächeln. Eine tiefe Männerstimme riss mich aus den Gedanken: „Kanntest du Phillipos, Kind?“

Ich erkannte den Mann, der mich angesprochen hatte, sofort wieder. Er war es, der auf dem Foto vor dem WLT so freundschaftlich den Arm um Phillipos gelegt hatte.

Er lächelte mich warm an. Seine weißen Haare und sein weißer Bart bildeten einen starken Kontrast zu seiner gebräunten Haut. Sein Gesicht war von tiefen Falten durchzogen.

Ich nickte und wischte mir die Tränen von den Wangen.

Er stellte ein Glas mit Cola auf die Theke und schob es gezielt in meine Richtung.

Ich bildete ein stummes Dankeschön mit den Lippen.

Er lächelte.

„Es ist schrecklich, wie unerwartet Menschen von uns gehen.“ In seiner rauen Stimme hörte man die tiefe Trauer. „Aber wein nicht, mein Kind. Man sollte Gott für die Zeit danken, die er uns mit den Menschen gegeben hat. Phillipos hatte ein wirklich gutes Leben.“

Erneut kamen mir die Tränen. Schnell griff ich nach dem Glas und trank es mit hastigen Schlucken leer.

Der Mann füllte es sofort wieder auf.

„Wie lange kannten Sie ihn schon?“, wisperte ich.

Er richtete seine Schürze und setzte sich auf den Hocker neben mich. „Oh, Kind, ich kannte ihn nicht. Ich kenne ihn noch. Nur weil er nicht mehr unter uns weilt, heißt es nicht, dass wir ihn nicht mehr kennen.“

Er streichelte meine Schulter. Eigentlich hasste ich es, wenn Menschen, die ich nicht gut kannte, mich berührten. Aber bei ihm war es anders. Es störte mich nicht. Es hatte sogar etwas Tröstliches.

Der Mann fuhr fort: „Ich kenne Phillipos schon sehr lange. Wir kommen aus dem gleichen Dorf in Griechenland. Als seine Familie mit ihm nach Deutschland zog, habe ich ihn furchtbar vermisst. Als wir älter waren, hat er mich überredet, nach Deutschland nachzukommen. Ich verdanke ihm so viel. Er hat mir geholfen, das alles aufzubauen.“ Er machte mit der Hand eine große Geste, die das gesamte Restaurant mit einzuschließen schien. Mit einem Schulterzucken fuhr er fort: „Ich habe die Chance vertan, ihm die letzte Ehre zu erweisen ...“

Was meinte er? Ich runzelte die Stirn und sah ihn fragend an.

Er bemerkte meine Verwirrung offenbar, denn er wandte sich den Bildern zu und erklärte mit zitternder Stimme: „Ich war nicht auf seiner Beerdigung.“

Ich räusperte mich, atmete tief ein und sammelte Mut: „Wieso denn nicht? Ich meine, Sie haben doch gesagt, dass sie so gute Freunde ...“ Ich hielt inne. Ich hatte mir eindeutig zu viel erlaubt. Ich hatte kein recht, ihn das zu fragen. Ich wurde rot.

Er atmete tief aus. „Ich bin manchmal ein sturer Mensch. Ich war traurig, dass er tot war. Aber ich war auch wütend auf ihn. Weil ich wusste, was er sich für seine Beerdigung vorgenommen hatte.“

Ich schluckte. Hatte dieser alte Freund von Phillipos die Lösung? Wusste er, wo Elias Großvater seine Asche verstreut haben wollte? „Sie wissen ...“, setzte ich an, doch der Mann unterbrach mich. 

„Er wollte schon immer eingeäschert werden“, sagte er und zog dabei die Stirn in Falten. „Wir haben oft darüber gestritten. Denn das ist in unserem ... in meinem Glauben nicht richtig“, flüsterte er.

Schnell nippte ich wieder an meiner Cola.

„War Phillipos nicht gläubig?“, fragte ich.

Er lachte bitter. „Phillipos und die Kirche? Nein, da hat ihn niemand reingekriegt!“ Er murmelte etwas auf Griechisch und verneigte sich dabei leicht in Richtung einer Ikone, die über seinem Tresen hing.

Dann schaute er mich wieder an, und als er weiter sprach, klang seine Stimme wieder gefasst: „Woher kennst du Phillipos denn, mein Kind?“

Mist, was sollte ich sagen? Ich wich seinem Blick aus. Ich wollte ihn nicht anlügen. Aber konnte ich ihm vertrauen? Es fühlte sich so richtig an, hier zu sein. Mein Puls beschleunigte sich. Ich nahm einen weiteren Schluck, straffte die Schultern und atmete tief aus. „Er hatte ein Date mit meiner Babuschka“, antwortete ich verlegen. Gelogen war das ja nicht. Trotzdem wäre ich am liebsten im Boden versunken. Meine Antwort klang so dämlich.

Er lächelte. „Ah, du kommst aus Russland, Kind“, sagte er fröhlich.

Ein Stein fiel mir vom Herzen. Ich grinste ihn an und nickte.

Dann wich sein Lächeln wieder und Sorge trat in sein Gesicht. „Ich habe ihn leider eine Weile nicht mehr gesprochen. Wir hatten uns gestritten und ... ich habe die Chance vertan, mich mit ihm zu vertragen. Das ist eine schreckliche Erkenntnis, weißt du?“

Ich spürte einen Stich in der Brust. Ich dachte an meine Eltern, mit denen ich seit dem letzten Streit nicht mehr wirklich gesprochen hatte. Und an den Satz von vorhin: Es ist schrecklich, wie unerwartet Menschen von uns gehen. Fest nahm ich mir vor, meine Eltern nachher endlich zurückzurufen. Nachher. Aber nicht jetzt. 

Gebannt lauschte ich weiter: „Ach, Kind, Phillipos und ich, wir haben so viel erlebt. Als wir noch Kinder waren und in unserem Dorf in Griechenland lebten, haben wir uns immer gegenseitig herausgefordert. Wir wollten sehen, wer mutiger war. Einmal sollte ich eine Nacht auf dem Feld schlafen. Und er sollte eine Ziege klauen und sie auf dem Markt verkaufen. Ich werde das niemals vergessen. Phillipos und die Ziege.“ Lachend hielt er inne, fuhr jedoch nach wenigen Sekunden fort. „Er war so aufgeregt. Als er sich schließlich traute, die Ziege zu klauen, war er voller Euphorie. Er prahlte noch Jahre später damit.“ Er weinte jetzt vor Lachen. Aber ich glaubte, dass es vielleicht doch die Tränen der Trauer waren, die er vorher noch unterdrückt hatte.

Diese Geschichte würde ich Elias erzählen. Er würde bestimmt lachen. Der Gedanke gefiel mir sehr. Die Einsicht packte mich schlagartig. Elias! Er konnte eigentlich herkommen. Der Mann hatte keine Ahnung von dem, was auf der Beerdigung passiert war. Er würde Elias keine Vorwürfe machen! Ich kramte mein Handy hervor und tippte hektisch eine SMS.

Als das Lachen des Mannes langsam in ein Kichern übergegangen war, sagte ich: „Wie heißen Sie, wenn ich fragen darf ...“

Er lächelte herzlich und streckte mir die Hand entgegen: „Georgios Karakasi. Aber bitte nenn mich Georgios. Und wie heißt du, mein Kind?“

Ich lächelte, ergriff seine raue Hand und schüttelte sie. „Katja.“

„Katja also, was für ein schöner Name“, erwiderte er galant.

Ich konnte mir ein weiteres Grinsen nicht verkneifen. „Dürfte ich Sie noch etwas fragen, Georgios?“, fragte ich nach einer kurzen Stille.

Er nickte und lächelte mich an.

„Weshalb haben Sie sich mit Phillipos gestritten?“, fragte ich. Im gleichen Moment hoffte ich, er hätte die Frage überhört. Welches Recht hatte ich, neugierige Fragen zu stellen, die ihn vielleicht verletzten? Fragen, die ihn daran erinnerten, dass Phillipos ohne eine Versöhnung der beiden gestorben war?

„Der Grund ist etwas ... also ... Du wirst denken, wir seien verrückt“, antwortete er verlegen.

Ich sah ihn fragend an.

Er fuhr fort: „Also, Phillipos kam zu jedem Auswärtsspiel von Schalke her. Wir schauten dann immer zusammen. Und bei einem Spiel neulich haben wir uns furchtbar gestritten. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie es losging. Und es ist jetzt auch ganz egal. Zu unserer Verteidigung: Wir hatten zwei, drei Bierchen zu viel getrunken. Zum nächsten Auswärtsspiel kam er nicht. Und ich ... ich war zu stolz, mich bei ihm zu entschuldigen. Ah, das bereue ich am meisten! Ich habe mir aber fest vorgenommen, ihn zu besuchen auf dem Friedhof.“ In seinen Worten schwang etwas Trauriges mit.

Ein weiterer Schauer lief mir über den Rücken, als er den Friedhof erwähnte. Er würde dort nur auf ein leeres Grab stoßen.

„Der Samstag, an dem er nicht zum Auswärtsspiel kam, ist jetzt gute zwei Wochen her“, fügte Georgios tief in Gedanken hinzu. „Er muss sehr böse auf mich gewesen sein ...“

„Samstag vor gut zwei Wochen?“, fragte ich aufgeregt.

Georgios nickte.

„An dem Tag hatte Phillipos sein erstes Date mit meiner Babuschka! Er hatte gar keine Zeit, das Spiel mit Ihnen anzuschauen!“, rief ich erleichtert.

„Tatsächlich?“ Georgios musste diese Information offensichtlich erst einmal verdauen.

Mein Handy vibrierte und ich las die Nachricht von Elias. Er war auf dem Weg hierher. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Gleich würden Georgios und Elias aufeinandertreffen. Ich musste Georgios doch wenigstens irgendwie auf dieses Treffen vorbereiten. Aber wie? Elias konnte jeden Moment hier sein ...

Meine Stimme zitterte, als ich sagte: „Georgios, mein Freund Elias wird gleich hier sein. Er ist der Enkel von Phillipos. Er würde gerne mit Ihnen reden.“ 

Georgios’ Augen weiteten sich. Er atmete tief ein, die Luft zischte praktisch durch seine Lungen. Ein Strahlen trat in seine Augen und er ergriff meine Hand und drückte sie. „Elias ... Ich habe ihn schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich würde sehr gerne mit ihm reden. ... Oh, Katja, das wäre wunderbar!“ 

Ich atmete erleichtert auf.

Georgios sprang auf und lief hinter die Theke. „Was wird er trinken wollen? Wollt ihr was essen?“, fragte er aufgeregt. „Das geht selbstverständlich aufs Haus!“

„Er trinkt bestimmt auch eine Cola“, antwortete ich lächelnd. Ich mochte Georgios. Er war irgendwie wie meine Babuschka.

Georgios nickte hektisch und stellte ein zweites Glas auf die Theke.

In dem Moment betrat Elias auch schon das Restaurant. Er kam auf mich zu und legte seine Hand auf meinen Rücken, während er sich setzte. Ich erstarrte. Ich war es nicht gewohnt, dass man mich dauernd berührte. Schien unter Griechen wohl üblich zu sein...

Elias lächelte, aber ich merkte deutlich, wie angespannt er war. Aufmunternd zwinkerte ich ihm zu. Georgios kam hinter der Theke hervor. Er lächelte herzlich. Elias reichte ihm die Hand und Georgios schüttelte sie. „Elias, du bist aber groß geworden!“

Elias schluckte. „Danke schön. Ja, es ist lange her, dass ich hier war“, erwiderte er verlegen.

Ein Schatten huschte über Georgios’ Gesicht: „Mein Junge, es tut mir so unfassbar leid. Phillipos ist wirklich ein besonderes Mensch. Du bist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, Elias. Er sah genauso aus wie du, als er jung war.“

Elias brach in Tränen aus. Es kam plötzlich, ich war nicht darauf gefasst. Seine Fassade brach in Sekunden. Im nächsten Moment lag er in meinen Armen, während ich, ebenfalls weinend, seinen Rücken streichelte.

„Nicht weinen, mein Kind. Phillipos war ein so fröhlicher Mensch. Er hätte nicht gewollt, dass du leidest. Als mein Vater damals gestorben war, hat Phillipos mir gesagt ...“, Georgios hielt kurz inne und fuhr erst fort, als Elias ihn ansah: „Er hat gesagt, man solle nicht zu traurig sein über den Tod eines Menschen. Man solle lieber an die Zeiten mit dem geliebten Menschen denken und glücklich sein, ihn kennengelernt zu haben. Und er hatte verdammt noch mal recht. Denk nicht dran, dass er nicht mehr lebt. In Erinnerungen und Geschichten wird er weiterleben. Und glaub mir, Elias, es gibt viele sagenhafte Geschichten aus seinem Leben. Einmal, da hat er es geschafft, alle in der Agora im Schach zu besiegen. Oder auf einem Geburtstag eines Bekannten, da hat er Gummispinnen auf den Salat gelegt, damit keiner ihn wegaß, während Phillipos auf der Toilette war.“ Georgios liefen dicke Tränen über die Wangen. Wieder lachte und weinte er gleichzeitig.

Auch Elias lachte jetzt unter Tränen. „Nudelsalat mit kleinen Würstchen?“, fragte er. „Für den hätte er Schlangen in sein Bett gelassen. Er liebte diesen Salat.“

 

Ich weiß nicht, wie lange wir drei da so beisammen saßen. Elias und Georgios lachten und weinten und erzählten sich immer weitere Geschichten. Mal ging es darum, was für ein Frauenheld Phillipos in jüngeren Jahren gewesen war, mal darum, wie er es schaffte, kostenlos Karten für ein Fußballspiel zu bekommen. Ich hörte nur halb hin, meine Aufmerksamkeit galt Elias. Der hielt die ganze Zeit meine Hand.

Irgendwann sah er mich liebevoll an. „Ich denke, wir können ihn fragen, Katja.“

Ich nickte lächelnd.

Georgios blickte uns verwirrt an. „Was wollt ihr mich fragen?“

Elias drückte meine Hand. „Wir suchen den Ort, der für meinen Opa das Zuhause war. Wo er gerne sein würde ...“ Er hielt inne, mehr wollte er anscheinend nicht sagen.

„Wo war Phillipos zu Hause?“, wiederholte ich. „In seinem Heimatdorf in Griechenland, hier im Olymp ... oder doch woanders?“ Meine Stimme klang einen Hauch zu theatralisch für meinen Geschmack.

„In seinem Haus in Pöppinghausen?“, fragte Elias. „An der Emscherbrücke? Im WLT? Vielleicht auch im Agora Kulturzentrum oder im Meisenhof?“

„Bei seiner Frau Daphne? Am Schloss Bladenhorst, im Stadion oder bei Rütgers?“, fügte ich hinzu.

Georgios schaute nachdenklich. Dann schüttelte er den Kopf und sagte: „Keiner dieser Orte war das Zuhause für ihn. Nein ... aber ich glaube, dass jeder dieser Orte einen Teil seiner Heimat ausmachte. Ich bin überzeugt, dass jeder dieser Orte wie ein Puzzlestück ist, und das fertige Puzzle sein Zuhause ausmacht. Und anscheinend fing er ja auch gerade an, sich bei deiner Babuschka zu Hause zu fühlen.“

Elias sah mich mit großen Augen an. Das war es! Das war die Antwort. Das alles waren Orte, die Phillipos’ Zuhause ausmachten. Deshalb war es so schwierig für uns gewesen, den einen Ort auszusuchen, den er gemeint haben könnte.

„Danke, Georgios, Sie haben uns sehr geholfen“, sagte ich mit Nachdruck

Georgios schenkte uns ein warmes Lächeln und nickte. „Das hoffe ich doch! Wozu sonst soll man alt werden, wenn nicht wenigstens auch weise?“, scherzte er.

Elias umarmte ihn. Georgios bestand auch auf eine Umarmung von mir. Eine Bitte, der ich nur zu gerne nachkam. Wir verabschiedeten uns und versprachen, bald zum Essen zu kommen.

 

Schweigend liefen wir die Straße entlang, bis ich die Stille brach: „Wir müssen die Asche überall an diesen Orten verstreuen.“

Elias blieb stehen und grinste mich an. „Ja, das ist die Lösung. Ach, Katja, ohne dich .... ich meine ... ich ... danke dir ... Danke! Ich danke dir aus tiefstem Herzen.“

Ich strahlte ihn an und umarmte ihn.

„Ich bin froh, dass ich helfen konnte, Elias“ Mit einem Kuss auf die Wange löste ich mich von ihm. Ich war voller Adrenalin. „Los jetzt, wir müssen Asche verstreuen gehen!“

Ich rannte lachend los, Elias holte mich ohne Probleme ein. Auch er lachte. Gemeinsam liefen wir zu Babuschka und holten die Urne. Hand in Hand und die Urne in der anderen Hand machten wir uns auf den Weg. Nicht, ohne ein bisschen Asche in Babuschkas Garten zu verstreuen.

 

17 WO DIE ERINNERUNGEN SIND

Vivian

Überpünktlich erreichen wir den Dortmunder Flughafen. Von hier aus werde ich nach Athen fliegen und mit dem Zug weiter in Opas Heimatdorf fahren. Dort möchte ich die letzte Asche verstreuen. Den ganzen Weg zum Flughafen über sind wir beide sehr still gewesen.

Am Check-In gebe ich meine Reisetasche ab. Ich schaue auf die Uhr. „Bis zum Boarding haben wir noch eine halbe Stunde Zeit. Sollen wir noch einen Kaffee trinken? Ich lade dich ein.“

Jetzt lächelt Katja. „Klar“, ist ihre knappe Antwort.

Wir suchen uns ein Café am Flughafen und Katja setzt sich schon mal an den Tisch. Ich hole einen Milchkaffee im Pappbecher für jeden von uns. Bei den Preisen muss ich schlucken, aber Katja ist es mir wert. 

Ich setze mich zu ihr an den Tisch. Wieder schweigen wir beide. Ich hab irgendwie nichts zu sagen. Aber wenn ich daran denke, dass ich Katja gleich verlassen muss, wird mir irgendwie flau. Na ja, ich komme ja wieder, aber eine Woche bleibe ich erstmal weg. Und nachdem wir die letzten Tagen nonstop zusammen verbracht haben ... Mist, ich hab mich total in sie verliebt! Sie ist einfach toll. Sie ist sogar mit zu meinen Eltern gekommen. „Wenn ich dabei bin, reißen sie dir schon nicht den Kopf ab“, hat sie gesagt. Und natürlich recht gehabt. Wie immer. Meine Eltern haben mir sogar den Flug bezahlt. 

Aber warum guckt Katja jetzt so traurig und schweigt. Ist sie etwa auch ...

„Ich hab gestern übrigens noch bei meinen Eltern angerufen“, sagt Katja jetzt.

„Und?“, frage ich gespannt.

„Sie haben gesagt, dass sie mich vermissen und dass ich bald nach Hause kommen soll.“ 

„Nach Hause. Also ob das so einfach wäre“, sage ich.

Katja lacht. „Hab ich auch gedacht. Aber ich glaube, ich weiß jetzt, wo Zuhause ist.“

„Überall und nirgendwo?“, frage ich.

„So ähnlich“, erklärt Katja und schaut mich ernst an. „Zuhause ist, wo die Erinnerungen sind.“

„Schöne Worte“, ich lege meine Hand auf ihre und lächle.

Katja lächelt zurück und wird rot, zieht aber ihre Hand nicht weg. „Du musst los“, sagt sie dann.

Was, jetzt schon? Ich hab gar nicht gemerkt, dass die Zeit so schnell rumgegangen ist.

Katja begleitet mich zur Sicherheitskontrolle. Dort bleibe ich stehen und drehe mich zu Katja. Jetzt heißt es wohl Abschied nehmen. Aber wenn ich das tue, dann richtig. Ich ziehe Katja an mich heran, nähere mein Gesicht langsam ihrem und drücke dann meine Lippen auf ihre. Als wir uns voneinander lösen, sieht Katja gar nicht mehr traurig aus. Sie strahlt mich an.

„Tschüss“, sage ich etwas außer Atem und streiche mit der Hand über ihre Wange. „Wir sehen uns bald wieder.“

„Das hoff ich doch“, antwortet sie auch etwas außer Atem.

Ich grinse und begebe mich zur Sicherheitskontrolle.