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Home, sweet home?! II

on Montag, 09 November 2015. Posted in Geschichten & so weiter

Die folgende Erzählung entstand im Projekt Home, sweet home?! II, unterstützt durch das Programm MeinLand - Zeit für Zukunft der Türkischen Gemeinde in Deutschland im Rahmen des Bundesprogramms Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. 

Eine Erzählung von:

Ecehan Akdeniz
Lorena Grazia Crapanzano
Lea Eggert
Kate Gerhard
Julia Häfner
Jennifer Hamann
Vivian Kellermann
Siri Korte
Alina Krax
Viktoria Mette
Niklas Muus
Lea Oberschachtsiek
Jana Schumann
Mehmet Kaan Sinirkavak
Lara Tatus
Anna Wambach

PROLOG

1 Eda

Was ein Geruch, dachte Eda. Für sie gab es an sich nichts Schöneres als einen Sonnenaufgang an der Emscher. So wie an diesem Morgen in Gelsenkirchen. Hier, am Ufer des Flusses, fühlte sie sich am wohlsten. Wenn bloß dieser beißende Geruch nicht wäre! Dann hätte man im sanften Licht des anbrechenden Tages glatt meinen können, der Fluss wäre so klar und sauber wie einst ... Ja, das waren schöne Zeiten gewesen. Eda trat näher ans Ufer und blickte in die plätschernde Emscher.

Nein, wenn man sie aus der Nähe betrachtete, konnte man sich nichts vormachen. Die Emscher war nicht schön. Doch in ihren Tagträumen sah Eda den klaren Fluss, der das Blau des Himmels widerspiegelte. Sah die Emscher, wie sie gewesen war. Und: Wie sie bald wieder sein würde. Sehr bald.

Doch für solche Träume blieb jetzt keine Zeit. Eda konnte ihre Wut kaum unterdrücken, als sie einen Gegenstand in der Emscher schwimmen sah. Als würde es nicht reichen, dass der Fluss als Abwasserkanal Tag um Tag menschliche Fäkalien trans-portieren musste! Nun hatte zu allem Überfluss offenbar wieder einmal jemand Müll hineingeschmissen. Eda schüttelte den Kopf.

Die Menschen, die an der Emscher wohnten, regten sich oft über den Geruch auf, dabei waren sie doch selber Schuld. Und wenn Eda sah, wie sorglos sie Müll in ihren eigenen Lebensraum warfen, fiel es ihr doch schwer daran zu glauben, dass diese Kreaturen Verstand besaßen ...

Als der Gegenstand im Wasser näher herangeschwommen war, erkannte Eda, dass es sich um eine Flasche handelte. Sie beugte sich nach vorn und fischte sie aus dem Wasser, aber ... da steckte ja ein zusammengefalteter Zettel drin! Eda wurde neugierig. Was mochte auf dem Zettel stehen? Sie konnte sich die Aufregung kaum verkneifen. Eilig öffnete sie den Schraubverschluss und schüttelte den Zettel aus der Flasche. Zum Glück war er ziemlich trocken geblieben. Sie faltete ihn auf. Offenbar eine Seite aus einem Notizbuch. Herausgerissen. Oben rechts stand ein Datum. Es war aber so verschmiert, dass Eda es nicht entziffern konnte. Doch den Ort konnte sie gut lesen: Castrop-Rauxel. Sie kannte den Namen der Stadt, hatte sich dort aber noch nie blicken lassen. Dabei war Castrop gar nicht weit entfernt. Östlich von Gel-senkirchen, stromaufwärts. Dann war die Flaschenpost also von Castrop nach Gelsenkirchen getrieben? Hatte den Weg die Emscher entlang, vorbei an Pumpwerken und Deichen gefunden? „Muss wohl“, sagte Eda laut und dann: „Ups, jetzt rede ich schon mit mir selbst.“ Nun erst realisierte sie, dass der Brief auf Türkisch geschrie-ben war. Das passte ja wie Topf auf Deckel! Konnte es Zufall sein, dass dieser Brief ausgerechnet ihr in die Hände fiel, die doch selbst Türkin war? Eda holte tief Luft ... und fing endlich an zu lesen:

Merhaba iyilik perisi, (Übersetzung: Guten Tag, gute Fee)

wir sind jetzt schon einige Zeit in Deutschland. Aber ich vermisse die Türkei, vermis-se Istanbul immer noch so sehr. Mein Zimmer hier ist ganz okay. An das Wetter muss ich mich noch gewöhnen. Aber das eigentliche Problem ist: Ich habe hier keine Freunde. Niemand versteht mich. Ich fühle mich alleine.

Nun haben mir meine Eltern auch noch vorgeschlagen, auf dieses Fest zu gehen. Die Emschergenossenschaft feiert die Eröffnung eines neuen Abwasserkanals. Zu-künftig soll das Abwasser, das heute noch durch die Emscher fließt, unterirdisch abgeleitet werden.

Ich finde es gut, dass der Fluss dann sauber sein wird. Er ersetzt mir zwar nicht den Bosporus, aber ich liebe das Wasser nun mal. Bloß ist auf diesem Fest auch ein Poetry-Slam geplant. Ich würde dort so gerne einen Text von mir vorlesen, doch ich kann ja kaum Deutsch. Die paar Brocken reichen nicht für einen ganzen Text. Schon gar nicht für einen poetischen ... Vielleicht gehe ich trotzdem zu dem Fest. Mal sehen ...

Ich hoffe, bald wird alles besser.

Deine Senem

 

Eda wusste nun ganz sicher, dass die Flaschenpost nicht zufällig ausgerechnet ihr in die Hände gefallen war. Gute Fee ... damit konnte doch nur Eda, die Emscherfee, gemeint sein. Und schließlich war auch sie selbst einst aus Istanbul hierher gekommen. Auch wenn das schon viele, viele Jahrzehnte her war ... Eda war klar, was sie zu tun hatte: Sie musste sich auf den Weg nach Castrop-Rauxel machen, um dort diese Senem zu finden, die den Brief verfasst hatte.

Den kompletten Text finden Sie hier.

 

 

Berne im Klopapierballkleid

on Sonntag, 15 März 2015. Posted in Geschichten & so weiter, Alles & noch viel mehr

Sie sind mir zur Qual geworden, die wolkenlosen Sommertage. An denen ich halb austrockne und den Gestank des weltlichen Elends verbreite. An denen alles zäher fließt, sich der Stahl meiner Brücken aufheizt und ich gleißend daliege. In meinem Betonbett, gesäumt von kargen Wiesen.

Sie sind mir zur Qual geworden. Diese wolkenlosen Tage.

Noch einmal versuche ich, das Blau des Himmels zu reflektieren.

Scheitere. Erfolglos.

Ich habe mich noch nicht ganz damit abgefunden, glanzlos zu sein. Erwarte noch immer die lachenden Kinder, die mal an meinen Ufern spielten.

Nur langsam schwindet mein vermessener Stolz, der einstmals doch so richtig schien.

Es ist lange her, dass ich ein Fluss war. Die idyllische Berne, die ihr Wasser der klaren Emscher zuführte. Bilder der Vergangenheit.

Die Menschen kamen und ihre Visionen mit ihnen. Wie hätte ich denn wissen können, dass gerade ich den Preis für ihre Träume zahlen würde?

Ich floss nur vor mich hin und staunte.

Staunte, als sie die Erde aufbrachen.

Staunte, als sie den Himmel verdunkelten.

Staunte, als sie ihre Werkzeuge brachten.

 

 

Der Schmerz kam mit den Maßnahmen. Ich wurde begradigt, erhöht, vertieft. Ich wurde ganz entfremdet. Und schließlich in Beton gefasst. Dieses Bett wurde zur Fessel.

Heute bin ich eine Kloake. Abbild für die Kehrseite der Zivilisation. Braun gefärbt von Dreck und Scheiße. Die Ophelia der Gewässer im Klopapierballkleid. In mir ist all der Abfall, der übrig bleibt, wenn das Gute vom Ursprünglichen getrennt und verlebt wird.

Und an so ganz und gar wolkenlosen Tagen wie heute, wenn die Hitze das Wasser dem Bachbett entwendet, trockne ich halb aus und verbreite den Gestank des weltlichen Elends. Dann denke ich zurück an meine Zeit als Fluss.

Und träume von der Wiederkehr.

 

Anne

 

 

Dieser Text entstand im Rahmen der Fachtagung der UNESCO-Projektschulen in Essen und wurde im Projekt "Carls Erbe" aufgegriffen. Die Berne ist ein Nebenlauf der Emscher.

Rückblick "Am Fluss entlang schreiben"

on Mittwoch, 14 Mai 2014. Posted in Vorfreude & Nachlese, Alles & noch viel mehr

Im Projekt "Am Fluss entlang schreiben" schrieben rund 70 Jugendliche im Frühjahr 2013 gemeinsam einen Ruhrgebietsroman, der unter dem Titel "Stromabwärts. Ein Emscher-Roadmovie" im Herbst 2013 im Klartext Verlag erschien. Nun blicken die Autoren für uns noch einmal zurück und beschreiben, was ihnen am Projekt besonders wichtig war und besonders gut gefallen hat.

Mir war besonders wichtig am Projekt dass wir unsere Ideen einbringen und die Geschichte so formen konnten wie wir wollten. Daher können wir alle sagen, dass es UNSER Buch ist und wir können darauf sehr stolz sein.

Lina, Oberhausen

 

Für mich war das Projekt "Am Fluss entlang Schreiben" eine sehr besondere Erfahrung. Es half mir nicht nur dabei, meine Fertigkeiten als Autor zu verbessern, sondern auch dabei, Kontakte mit anderen jungen Schriftstellern herzustellen. Ich fand besonders die reibungslose Kooperation der verschiedenen Städte und Schreibwerkstätten äußerst bemerkenswert.

Ben, Oberhausen

 

Besonders wichtig an diesem Projekt war die Verbindung der einzelnen Schreibteile und somit die Verbindung des individuellen Gedankenguts der Jugendlichen. Jeder einzelne sprühte förmlich vor neuen und einzigartigen Ideen und das Besondere dabei war, diese einzelnen Ideen und Vorschläge zu einem Buch zusammenzustellen. Dabei musste man natürlich viele Kompromisse eingehen und sich auch von einigen Ideen trennen, um eine größere Idee entstehen zu lassen.

Sara, Bottrop

 

Ich fand das Projekt "Am Fluss entlang schreiben" sehr gut. Als meine Lehrerin mir anbot, bei diesem Projekt mitzumachen, war ich schon interessiert, auch wenn es vielleicht nicht einfach werden würde, mit allen klar zu kommen oder ein guten gemeinsamen Weg zu finden, da alle ja anderen Interessen nachgehen oder ihren Schwerpunkt auf andere Dinge legen als man selbst. Mich überraschte, wie gut es dann lief. Es wurden gute Lösungen gefunden, damit sich keiner in die Quere kommt. Jeder hatte einen Textabschnitt, an dem er oder sie arbeiten konnte wie jeder wollte. Das Projekt brachte verschiedene Leute näher zusammen und man verstand sich, jeder brachte gute Ideen ein und es machte einfach Spaß mit allen zu arbeiten.


Ich hätte vorher nicht gedacht, dass es so gut laufen könnte und das Ergebnis unseres Projektes begeisterte mich: Dass so etwas Kompaktes herauskommen kann, wenn so viele verschiedene Personen daran arbeiten und sich noch nie vorher gesehen haben, hätte ich vorher nicht gedacht. Ich war einfach begeistert und auch darüber, dass man nicht vergessen wurde, nachdem man sein Kapitel geschrieben, dass man immer auf den neusten Stand gebracht wurde.

Justin, Gelsenkirchen

 

Mir persönlich hat das Projekt viel Spaß gemacht. Man hat die Erfahrung gemacht, ein Buch zu schreiben und auch das Erlebnis, das Ergebnis als ein Werk in den Händen zu halten, das man erwerben kann.


Zunächst konnte man sich nicht vorstellen, wie die rund 70 Jugendlichen ein einziges Buch schreiben können, das zusammen einen Sinn ergibt, doch hinterher hat es sich perfekt aneinander gefügt. Es hat uns allen großen Spaß gemacht und die meisten wollen jetzt auch mit dem Schreiben weiter machen oder erst richtig angefangen. Man hat Freundschaften geschlossen und Wissen gesammelt und welcher Jugendlicher kann sonst einfach so sagen „Ich habe ein Buch heraus gebracht“?

Annika, Castrop-Rauxel

 

Am Projekt war mir das Schreiben an sich am wichtigsten, aber auch, dass ich viel über meine Heimat lernen konnte.

Lara, Oberhausen

 

Bei dem Projekt fand ich sehr gut und wichtig, dass wir es geschafft haben, in so einer großen Gruppe uns gemeinsam auf eine Geschichte zu einigen und dass wir immer zusammengearbeitet haben.

Nina, Dortmund

 

Mir war besonders wichtig, etwas zusammen von Jugendlichen für Jugendliche zu machen. Dieses Projekt stand genau in diesem Sinn und hat nebenbei eine Menge Spaß gemacht.

Darleen, Gelsenkirchen

 

Mir war am Projekt besonders wichtig, dass wir uns alle gut verstanden haben und es immer lustig bei den Treffen zum Schreiben war.

Jasmin, Castrop-Rauxel

 

Es war für mich besonders wichtig am Projekt "Am Fluss entlang schreiben“ teilzunehmen, weil ich meiner Kreativität freien Lauf lassen, mich zum Teil neu erfinden und eine Menge Erfahrung sammeln konnte. Außerdem hat es einen Riesenspaß gemacht, Teil dieses Buches zu werden.

Anna, Gelsenkirchen

 

Mir war besonders wichtig, mich mit anderen auszutauschen, andere Schreibstile kennenzulernen und mit anderen etwas zu erschaffen.

Kim, Dortmund

 

Am Projekt waren mehrere Sachen wichtig, in erster Linie war es jedoch der Spaß, den wir alle sicher hatten. Wichtig war auch die Zusammenarbeit von den Teilnehmern und die Kooperation mit den Autoren, welche immer gute Tipps parat hatten.

Björn, Castrop-Rauxel

 

Mir erscheint es als wichtig, dass die vielen kleinen Teile der Geschichte, die von den verschiedenen Teilnehmern verfasst wurden, am Ende etwas großes Ganzes ergaben, eine vollständige Geschichte, die sich aus vielen kleinen zusammensetzt. Dadurch konnte zwar jeder seine eigenen Ideen verwirklichen und etwas Eigenes machen, aber eben doch in Zusammenhang und Abstimmung mit allen anderen. So stellt das Projekt eine Mischung aus Teamarbeit mit Eigenengagement dar, welche ich als gelungen und wichtig empfinde.

Paula, Dortmund

 

Besonders wichtig an dem Projekt war mir, dass man selbst als Autor mit vielen anderen Jugendlichen zusammen geschrieben hat. Man konnte immer mitverfolgen, wie die Geschichte Gestalt annahm und wie sich die eigenen Charaktere weiterentwickelten.

Julia, Dortmund

 

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